Das Sofa des Türmers

Ganz tief in der Kiste mit Türmer-Anekdoten liegt auch diese wunderschöne wahre Begebenheit:

Es begab sich aber zu einer Zeit, da die Stadt Münster zu Westfalen einen Nachfolger für den langjährigen städtischen Türmer Roland Mehring suchte. In der Stellenausschreibung war die Rede vom „höchsten Angestellten“, welcher naturgemäß „von Idealismus beseelt und der Tradition verpflichtet“ sein solle.

Angesprochen fühlte sich davon Anfang der 1990er Jahre Wolfram Schulze, ein Viel-Leser und Philosoph, der bereits als Dies und auch als Das gearbeitet hatte. Erfahrung mit den vielen Stufen auf dem Lambertus-Turm und mit dem Hornsignal hatte er auch schon, denn er war einer der paar Student*innen, die den alten Türmer im Urlaub vertreten hatten.

Und abgesehen von seiner umfassenden praktischen und charakterlichen Eignung für den Türmerberuf brachte er auch jenen feinen Sinn für Humor mit, den ein Türmer auf jeden Fall benötigt.

Aber diese unglaubliche Sache mit dem Sofa, die hat Wolfram Schulze nicht toppen können, und die wird auch die allererste Türmerin nicht toppen können – das war nämlich folgendermaßen…:

Roland Mehring also war von 1960 bis 1994 – vierunddreißig Jahre lang! – Türmer von Münster auf St. Lamberti.

Und weil er nachts wie auch tags äußerst wachsam war, fiel ihm ein Möbelgeschäft auf, welches damit warb, Möbel frei Haus zu liefern. Einzige Bedingung: Die Lieferadresse musste innerhalb Münsters liegen.
Er ging nun hinein und sagte, er hätte gerne ein Sofa, und ja, die Lieferadresse sei mitten in der Stadt. Als das neue Sofa bezahlt und versprochen worden war, das gute Teil kostenfrei anzuliefern bis in die Stube, rückte der alte Fuchs mit „seiner“ Adresse heraus: Der Turm von St. Lamberti, genauer gesagt, die Türmerstube in 75m Höhe, 298 Stufen hinauf.

Es ist leider nicht überliefert, wie viele Schnäpse Roland Mehring den Lieferanten dann hat ausgeben müssen (damals eine durchaus übliche freundliche Geste) – fest steht jedoch, dass das Sofa (wie auch immer) tatsächlich frei Haus geliefert worden ist.

Meine Idee, mir eine Pizza zu bestellen (gnihihi – was für ein Spaß!), habe ich wieder verworfen – schließlich müsste ich dem Pizzaboten unten die Turmtür aufschließen, und damit wäre der Witz ja schon wieder völlig absurd und passé.

Wahrscheinlich werden noch meine Nachfolgerinnen in zweihundert Jahren vom Türmer Roland Mehring und dieser Sache mit dem Sofa erzählen… die ist nämlich, wie gesagt, einfach nicht zu toppen! 🙂


Diese untoppbare Geschichte ist auch erschienen in „Türmer, Send und Höllenschnaps. Anekdoten aus Münster“ von Heike Hänscheid und Uta Ribbert, Wartberg-Verlag 2007.

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