Zu Gast in Heidelberg – ein Best Of

Schon wieder auf Reisen? Ja, im Öffentlichen Dienst hat man das Luxusproblem „wohin bloß im Erholungsurlaub“! Solange die Türmerin in fernen Ländern aufregende Abenteuer erlebt, ist die Stadt Münster nicht unbewacht: Durch die Jahrhunderte hinweg hat sich das System der Vertretungstürmer bewährt. Seid also gewiss, liebe Bürger*innen, einer oder eine wacht immer über euch und euer Wohl, pflegt die Tradition und tutet!

Diesmal also auf nach Baden-Württemberg, ich hatte nämlich die Gelegenheit, im Gefolge eines tollen Theaterensembles unseres „Grünflächenunterhaltung-Planungsmarschalls“ (Thomas Nufer) mitzureisen, und diese Gelegenheit wurde prompt genutzt, um Türme und Aussichtspunkte und ihre Geschichte(n) aufzusuchen. Der Münsteraner Meimel ist natürlich meistens dabei, wie die Bilder beweisen…    Weiterlesen

Getürmte Türmer

Zur Vorweihnachtszeit werden Viele ganz sentimental, ich versuche dann, mich sinnvoll zu beschäftigen (abzulenken) – mit Lesen und Recherchen über die Vergangenheit und was diese mit uns heute noch zu tun haben mag. Im Turm geht dies ganz hervorragend, ist man doch automatisch 300 Stufen weit weg von den alltäglichen Problemen und der alljährlichen Sentimentalität und dafür viel näher in einer vergangenen und doch immer noch präsenten Zeit, der Zeit der früheren Türmer, die Zeit, als Münster noch eine Stadtmauer hatte… wohlan! Direkt vom Turm gebloggt:


Der münstersche Zwinger und auch der Buddenturm waren Teil des Stadtbollwerks, der Stadtmauer, an deren Stelle heute unsere beliebte Leezen-Rennstrecke, die Promenade, liegt. Türme in Stadtbefestigungen – auch in Münster – dienten bis in die Neuzeit als Gefängnis, und damit waren die Turmwächter letztlich in diesen Fällen Gefängniswärter – das galt aber nicht für Türmer auf Kirchtürmen!

Raue Zeiten, raue Sitten – Paul Maar zitiert ein Statutenbuch von 1572:

Wenn durch des Turmhüters gefährlichen Unfleiß ein Gefangener aus dem Turm entflieht, soll der Turmhüter die Strafe erleiden, die dem Gefangenen auferlegt war.“ (Maar in „Türme“ 1987/2005, S. 216)

Das führte anscheinend tatsächlich zu vielen jahrelang eingesperrten ehemaligen Türmer und sogar einigen gehängten ebensolchen…!

Dazu passend ein Blick in Jacob und Wilhelm Grimms Wörterbuch von 1891:

thürmen: Jemand in einen (Gefängnis-)turm setzen, werfen

Heute bedeutet „türmen“ landläufig genau das Gegenteil, nämlich „fliehen“; welch interessanter Wandel des Wortgebrauches!

Fazit: Nicht nur die Aufgaben und die Rezeption der Türmer haben sich im Laufe der Jahrhunderte verändert, auch die Türme, ohne die die Türmer nicht Türmer wären, haben oft ganz verschiedenen Zwecken zu verschiedenen Zeiten gedient – ein Besuch im Stadtmuseum Münster und eine Führung in den Zwinger eröffnen einem Horizonte zu diesem und anderen Themen… und ich meinerseits bin ganz froh, städtische Türmerin auf einem Kirchturm zu sein, wenn auch auf einem mit spektakulärem, makabrem „Anhängsel“ (den sogenannten „Wieder-„Täufer-Körben) – aber das ist eine andere Geschichte, die zu anderer Zeit erzählt werden wird… 🙂

Türmergarn und Sky Run

In Münster kennen wir z.B. Goethes Totentanz und die Legende des reichen Bürgers als Grund für ein Tut-Verbot Richtung Osten. Wieviel Wahres oder Zusammengereimtes jeweils in den Erzählungen steckt, ist nicht vordergründig wichtig, geht es doch vor Allem um eine gute Story, die von Türmer zu Türmer zu Türmerin weitergegeben werden kann, nicht zuletzt auch als Stoff für Interviews.

In Rouen, Nordfrankreich, kennt man auch solche Stories – z.B. die Legende des Tour de Beurre (Butterturm). Eine der (gefühlten tausend oder mehr) Geschichten, die sich darum ranken und die ich selbst von meinem Großvater gehört habe, möchte ich hier vorstellen:

Der Rat der Stadt berief einen jungen Baumeister, einen prächtigen Turm für die Kathedrale zu bauen. Dieser hatte Sorge, er schaffe es nicht alleine und paktierte daher mit dem Teufel. Der Teufel wollte als Dank für seine Hilfe (natürlich) die Seele des Baumeisters. Der Turm wurde in einem Jahr fertig und der junge Baumeister wurde gefeiert.

Ihm war aber nicht nach Feiern zumute, ständig dachte er darüber nach, aus dem teuflischen Vertrag herauszukommen. Er bot dem Teufel an, dass dieser seine Seele sofort haben könnte und nicht erst viele Jahre auf seinen Tod warten warten müsste. Alles was der Teufel dafür tun müsste:

Sky Run!

Innerhalb des Geläuts der zwölften Stunde von unten nach oben zur Türmerstube rennen, vor dem letzten Glockenschlag oben angekommen sein. Dann gehörte die Seele ihm – anderenfalls sollte der junge Mann aus dem Vertrag entlassen werden.

Gesagt, getan, ein Teufel, ein Wort. Er rannte „wie der Teufel“ los, rutschte allerdings im oberen Drittel auf den butterbeschmierten Stufen aus und schaffte es nicht rechtzeitig… und verschwand in einer Schwefelwolke. Der listige Baumeister und seine Seele waren gerettet!

Der historische wahre Kern der Geschichte ist aber wahrscheinlich:

Die Bauarbeiter wurden beim Bau des Turmes der Kathedrale von Rouen mit den Geldern aus dem Verkauf der alljährlichen Butterspende der Bürger bezahlt. Butter wurde in den Haushalten selbst hergestellt und während der Fastenzeit vor Ostern den Kirchenvertretern gespendet, welche sie verkauften, um den Turmbau bezahlen zu können.

Aber Sky Run des Teufels und mit Butter beschmierte Turmtreppe klingt ungleich cooler als Erklärung, warum der Tour de Beurre als „Butterturm“ in die Geschichte eingegangen ist. Was den Seemännern ihr Seemannsgarn ist eben den Türmern ihr Türmergarn 🙂

Turmstuben-Bücher Dezember 2014

Die dezemberliche Turmstuben-Bücherei 2014 hält bereit:

Reinhard Scheiblich: „Leuchttürme an Deutschlands Küsten“, Delius, Klasing & Co. KG, Bielefeld 2003

Marcus Herrenberger: „Jahrhundert einer Ratte. Zwischen Lenin, Jazz & Harry Lime. Von Casablanca nach Kyoto“, minedition, Bargteheide und Hong Kong 2008

Paul Auster: „Winterjournal“, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 2013

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Paulus und sein Dom

Der St. Paulus-Dom zu Münster feiert Anno Domini 2014 sein 750jähriges Jubiläum. Es gibt zahlreiche sehr interessante Veranstaltungen in diesem Zusammenhang – nachzulesen hier: DOMJUBILÄUM

Jeden Abend (außer Dienstag) geht der Blick natürlich auch gen Westen, zu schauen, wie’s dem Dom so geht und seinen beiden Türmen. Wenn der Nebel zu dicht ist, ahnt das Auge nur mehr die Schemen, bei guter Sicht geht bei Sonnenuntergang der mächtige Scheinwerfer an und setzt die Türme ins strahlende Hell. Und zwischen den beiden Türmen des Paulusdoms erblickt die Türmerin das fürstbischöfliche Schloss…

Die beiden Domtürme zu Münster

 

Daß solchem Dome stolz und reich

Ein Turm zu wenig sei,

Das sah der alte Meister gleich,

Darum erbaut‘ er zwei.

 

 

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Turmstuben-Bücher Juni 2014

Ein Blick in die Turmstuben-Bücher-Ecke: Juni 2014

Jürgen Kehrer: „Mord in Münster. Kriminalfälle aus fünf Jahrhunderten“, Verlag Waxmann Münster/New York 2000 (3)

Echte Mordfälle sind hier nacherzählt:

S. 9 (Vorwort):
Zwischen der ersten Geschichte aus dem Jahre 1588 und der letzten aus dem Jahr 1957 liegen fast vierhundert Jahre. So ist ‚Mord in Münster‘ auch eine kleine politische, juristische, Sitten- und Geistesgeschichte der Stadt Münster.

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