Vom Klappern und Staunen

Meine Recherchen über Türmer und die facettenreiche Historie der Stadt Münster haben einen besonders schönen Nebeneffekt: Interessante und sympathische Bekanntschaften haben sich bereits mannigfaltig ergeben auf der Suche nach Büchern, Zitaten, Quellen, Fotos und Geschichten. Und daraus erfolgen jeweils weitere Horizonterweiterungen, die mich staunen lassen. Mein Staunen möchte ich nun nicht für mich alleine behalten, sondern gerne teilen.

Ich folgte dieser Tage also einer Einladung des mir bis dato vor Allem schriftlich und durch seine Veröffentlichungen bekannten Dr. Ralf Klötzer, seines Zeichens „Wieder-“Täufer-Experte und Vorsitzender des Lepramuseums Kinderhaus  – davon handelt der folgende Bericht:

Nun mögen sich zunächst dem auswärtigen Leser / der auswärtigen Leserin eventuell einige Fragen stellen:

Was ist ein Lepramuseum? Was hat dies mit Münster zu tun? Warum heißt der Stadtteil Münsters, wo das Lepramuseum steht, „Kinderhaus“?

Alles das hat folgendermaßen miteinander zu tun: Etwa 5 km nördlich der münsterschen Altstadt steht das in wesentlichen Teilen erhaltene Leprosenhaus, gebaut bis 1333, und die Leprakranken wurden damals „die armen Kinder Gottes“ genannt – diese Bezeichnung ergab dann den Namen des heutigen Stadtteils von Münster, Kinderhaus.

Am Umgang der Städte mit ihren Ärmsten und Kranken kann und konnte man immer schon sehr viel Aufschlussreiches ablesen – die Handelsstraße nach Münster führte direkt zwischen der Kirche und dem Leprosenheim hindurch, am Opferstock konnten die Händler und Reisenden spenden.

Für mich die wichtigsten Erkenntnisse:

  1. Die Geschichte der heute bei uns als so fremd empfundenen Krankheit Lepra hat einen Münsterbezug.

  2. Denkmalschutz, Aufarbeitung der Quellen, Bewahrung von historischem Grund und Baubestand bewirken hier in Kinderhaus ein plastisches Begreifen von Geschichte auf vielen Ebenen.

Wichtig:

Lepra ist zwar in unserem kleinen Teil der Welt „besiegt“, aber in Entwicklungs- und Schwellenländern immer noch aktuell.

Einmal ist also das im Museum sehr gut aufgearbeitete und präsentierte Inhaltliche, die münster-eigene Leprageschichte in Bezug zur Bekämpfung, Aufklärung, Hilfe und der heutige Stand der Erkenntnis, sehr interessant – und darüber hinaus ist eine Fahrt nach Kinderhaus auch in anderer Hinsicht äußerst lohnenswert: Man kann durch die anschauliche Erhaltung der Kirche, der Mauer, der Gebäude des ehemaligen Leprosenheims, des Brunnens, der ehemaligen Handelsstraße usw. mit eigenen Augen nachvollziehen, wie es damals ausgesehen, wie das Leben der bis zu 9 gleichzeitig hier versorgten Kranken sich abgespielt haben mag.

Dr. Klötzer begann seine Führung übrigens rund um die St. Josefskirche, die erst seit Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen („Bomben-Bernd“) 1672 den Namen St. Josef trägt. Vorher war sie der Heiligen Elisabeth von Thüringen, der Schutzpatronin der Witwen und Waisen, Kranken und Bettler und der Heiligen Gertrud von Nivelles geweiht, man erkennt sie häufig an dem Mäuse-Attribut, sie wurde u.a. wegen Ungezieferplagen angerufen, galt aber vor Allem im 14. Jahrhundert als Schutzpatronin der Kranken – Leprosen! – und Armen.

Die ursprünglich einschiffige kleine Kirche wurde um 2/3 erweitert und hat heute einen schönen Turm mit einer sehr kleinen Turmtür:

St. Josef-Turm

Die Türmerin von Münster vor dem Turm von St. Josef, Kinderhaus

Turmtür St. Josef

Die Türmerin von Münster vor der Turmtür von St. Josef, Kinderhaus

Alleine über diese schöne Kirche ließe sich ein ganzer Roman schreiben, im Moment ist sie übrigens völlig leergeräumt; da die Flut letztes Jahr (2014) im Inneren einiges zerstört hat, wird nun nachhaltig und gründlich saniert.

Vor der Kirche steht ein Lazarushäuschen, es wurde mit Opferstock im Jahre 1618 errichtet. Die Heilige Gertrud ist hier dargestellt und als Patronin der Kirche genannt, neben ihr der Heilige Lazarus – dieser ist mit einem Hund dargestellt, damit ist klar, dass dieser Lazarus derjenige aus dem Gleichnis im Lukasevangelium ist, und nicht der andere biblische Lazarus, welcher im Johannesvangelium von Jesus zum Leben wiedererweckt wird.

Der Hund als Attribut leckt an den Aussatzwunden (=Lepra) des Lazarus, ob das wirklich die Leiden lindert, bleibt uns Nicht-Medizinern unbeantwortet.

Herr Dr. Klötzer erzählt die Geschichte der Kranken und des Ortes so anschaulich und spannend, dass sich mir viele Zusammenhänge und Details erschließen, die ich sonst wohl nie und auch nicht auf diese Weise erfahren hätte.

Um zu verdeutlichen, welchen Blick die Kranken zum Beispiel auf Hochfeste der Kirche hatten, lenkt er den Blick auf Mauer, die das Leprosenheim direkt gegenüber der Kirche umgab. Hier befinden sich linkerhand des Einfahrtstores Sichtschlitze in Nischen und rechterhand auch.

Wenn man sich also nach und nach das Areal erschlossen hat, geht es dann ins Innere des ehemaligen Leprosenheims. Direkt daran angebaut steht seit dem 17. Jahrhundert das Gebäude des heutigen Heimatmuseums, das nach dem 30jährigen Krieg als Waisenhaus und später als Armenhaus der Stadt genutzt worden ist. Es befinden sich heute noch ein paar Wohnungen darin.

Die Räume des Lepramuseums haben jeweils eine thematische Zusammenfassung auf einer Tafel sowie längere Texte zu den Exponaten, man erfährt sehr anschaulich sowohl die spezifisch münstersche Lepra-Geschichte als auch die Entwicklung der medizinischen Fortschritte und den Ausblick auf die Gegenwart und Zukunft.

Interessant ist auch, dass nicht jeder Leprakranke einfach so in Kinderhaus einziehen konnte – zuerst musste er sich in Köln (!) untersuchen lassen und eine eindeutige Diagnose als Urkunde mitbringen. Diese Tour nach Köln fand damals natürlich nicht mit dem Zug, sondern zu Fuß statt, und Dr. Klötzer hat sich vor einiger Zeit selbst aufgemacht – zu Fuß! – um am eigenen Leib zu erfahren, was das für Betroffene bedeutet haben mag (er wurde übrigens als völlig gesund eingestuft).

Dann war in manchem Fall das Wohnen im Leprosenheim sogar ein Aufstieg, eine Lebensverbesserung; denn hier wurde man versorgt, man bekam Fleisch zu essen, man lebte in Gesellschaft auch mit der Bauerschaft, die in dieselbe Kapelle ging und ringsumher Landwirtschaft betrieb – eine Bankreihe der Kirche war für die Kranken, eine andere für die Landbevölkerung reserviert.

Ich habe außerdem gelernt:

  • nicht jeder Mensch kann Lepra bekommen; etwa 95 Prozent der Weltbevölkerung ist heute dagegen immun;

  • dass die schreckliche Krankheit hierzulande nicht mehr vorkommt, mag u.a. auch daran liegen, dass Betroffene isoliert wurden, zumeist im Kindesalter erkrankten und selbst keine Kinder bekamen;

  • es gibt in Ländern wie z.B. Indien und Brasilien einige Infizierte, aber nicht bei jedem bricht die bakterielle Infektion auch als Krankheit aus;

  • erste Anzeichen sind Hautveränderungen und begleitende Taubheitsgefühle;

  • Jeder Krankheitsverlauf ist individuell unterschiedlich;

  • die Inkubationszeit kann bis zu Jahrezehnte lang dauern;

  • auch wenn es heute Medikamente dagegen gibt, bleiben doch meistens körperliche Behinderungen, irreversible Verformungen – das Schlimmste ist wahrscheinlich aber die gesellschaftliche Ausgrenzung wie z.B. heute in indischen Leprakolonien ohne Aussicht auf Teilhabe am sozialen Leben.

„Armut, mangelnde Hygiene, ein unzureichendes Gesundheitssystem, schlechte Ernährung erleichtern es der Krankheit, sich immer wieder auszubreiten“, schreibt die Süddeutsche Zeitung („Die Berührbaren“, Fabian Fiechter, SZ vom Samstag/Sonntag, 10./11. Oktober 2015, Nr. 233, S. 38).

Auch die künstlerische Beschäftigung mit dem Thema „Aussatz“/Lepra wird in Kinderhaus gezeigt. Figürliche Kunst und Bilder, auch mit biblischen Szenen sind in einem der Museumsräume ausgestellt und erklärt.

Die vermutlich mit älteste Krankheit der Welt wird 1500 vor Christus bereits in einem altägyptischen Papyrus erwähnt. Im Mittelalter galt „Aussatz“ als Strafe Gottes. In verschiedenen Situationen heilt Jesus Christus Betroffene.

Die Klapper als das Symbol für die Leprosen ist bei vielen Kunstwerken immer wieder anzutreffen – mit einer Holzklapper mussten „Aussätzige“ z.B. beim Betteln auf sich aufmerksam machen.

In dem Raum, der Medizin und Hilfsmittel zeigt und erklärt, stehen hinter einer undurchsichtigen Milchglasscheibe sogar menschliche Feuchtpräparate (Körperteile). Um die Besucher*innen nicht zu „verschrecken“ werden sie nur auf spezielle Anfrage gezeigt.

Das Magazin „Die Klapper“ wird von der Gesellschaft für Leprakunde e.V. jährlich herausgegeben und informiert über Historisches und Aktuelles.

Darüberhinaus gibt es noch viel mehr zu sehen, zu staunen, zu begreifen –

Sowohl inhaltlich als auch lokalgeschichtlich hat mich der Besuch bei Dr. Klötzer im Lepramuseum nachhaltig beeindruckt.

Flyer über das Lepra- und das Heimatmuseum Kinderhaus, sowie über Fahrradrouten und Entdeckungstouren liegen in der Münster Information unten im Stadthaus 1 aus.

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