Getürmte Türmer

Zur Vorweihnachtszeit werden Viele ganz sentimental, ich versuche dann, mich sinnvoll zu beschäftigen (abzulenken) – mit Lesen und Recherchen über die Vergangenheit und was diese mit uns heute noch zu tun haben mag. Im Turm geht dies ganz hervorragend, ist man doch automatisch 300 Stufen weit weg von den alltäglichen Problemen und der alljährlichen Sentimentalität und dafür viel näher in einer vergangenen und doch immer noch präsenten Zeit, der Zeit der früheren Türmer, die Zeit, als Münster noch eine Stadtmauer hatte… wohlan! Direkt vom Turm gebloggt:


Der münstersche Zwinger und auch der Buddenturm waren Teil des Stadtbollwerks, der Stadtmauer, an deren Stelle heute unsere beliebte Leezen-Rennstrecke, die Promenade, liegt. Türme in Stadtbefestigungen – auch in Münster – dienten bis in die Neuzeit als Gefängnis, und damit waren die Turmwächter letztlich in diesen Fällen Gefängniswärter – das galt aber nicht für Türmer auf Kirchtürmen!

Raue Zeiten, raue Sitten – Paul Maar zitiert ein Statutenbuch von 1572:

Wenn durch des Turmhüters gefährlichen Unfleiß ein Gefangener aus dem Turm entflieht, soll der Turmhüter die Strafe erleiden, die dem Gefangenen auferlegt war.“ (Maar in „Türme“ 1987/2005, S. 216)

Das führte anscheinend tatsächlich zu vielen jahrelang eingesperrten ehemaligen Türmer und sogar einigen gehängten ebensolchen…!

Dazu passend ein Blick in Jacob und Wilhelm Grimms Wörterbuch von 1891:

thürmen: Jemand in einen (Gefängnis-)turm setzen, werfen

Heute bedeutet „türmen“ landläufig genau das Gegenteil, nämlich „fliehen“; welch interessanter Wandel des Wortgebrauches!

Fazit: Nicht nur die Aufgaben und die Rezeption der Türmer haben sich im Laufe der Jahrhunderte verändert, auch die Türme, ohne die die Türmer nicht Türmer wären, haben oft ganz verschiedenen Zwecken zu verschiedenen Zeiten gedient – ein Besuch im Stadtmuseum Münster und eine Führung in den Zwinger eröffnen einem Horizonte zu diesem und anderen Themen… und ich meinerseits bin ganz froh, städtische Türmerin auf einem Kirchturm zu sein, wenn auch auf einem mit spektakulärem, makabrem „Anhängsel“ (den sogenannten „Wieder-„Täufer-Körben) – aber das ist eine andere Geschichte, die zu anderer Zeit erzählt werden wird… 🙂

Herbst – Herfst

Im Herbst solltest du über die Promenade spazieren, wo bunte Blätter an den Bäumen leuchten und trockenes Laub unter deinen Füßen raschelt. (…) eine Zeit lang scheint das warme Licht der Laternen noch die herbstliche Kühle zu vertreiben…

In de herfst is het moeite waard om over de boulevard te lopen, waar veelkleurige bladeren in de bomen schijnen en het droge gebladerte onder uw voeten ritselt. (…) een tijd lang schijnt het warme licht van de lampions nog om de herfstkoelte te verjagen…

Zitiert aus:

Heidi von Saint-George und Jutta Grosse: Münster ist jovel! Eine Liebeserklärung an Münster und das Münsterland & eine Gebrauchsanweisung zum Liebgewinnen dieser Stadt, der Landschaft und ihrer Menschen. münstermitte medienverlag GmbH & Co. KG, Münster 2011

Promenade Esplanade

… please scroll down for the English version …
„Liebe Stadt im Lindenkranze, roter Erde schönste Zier,
pflanz auf Deiner höchsten Schanze auf das stolze Stadtpanier;
blüht Ihr Linden, glänzt, Ihr Türme, hoffnungsheischend himmelwärts;
jung blieb Münster trotz der Stürme, noch Dein Wiedertäuferherz.(…)“

So beginnt das „Münsterlied“, von einem unbekannten Verfasser nach 1899 gedichtet. Gesungen wird es zur Melodie von „Heidelberg du Jugendbronnen“ (Otto Lob 1899).

Die Linden (Tilia cordata), das sind die Bäume des grünen Bandes rings um die Innenstadt von Münster, Promenade genannt.

Weiterlesen