Karneval in Münster – Kuriose Einblicke

Karneval in Münster – das bedeutet für mich: eine Gelegenheit zur sozialgeschichtlichen Forschung 🙂

Prinz Ingo I.

Prinz Ingo I. samt Garde – Tradition trifft Tradition auf dem St. Lambertikirchturm

Ich tauche ein in alte Ansichten, Bilder, Postkarten und Dokumente vergangener Tage. Einen kleinen Einblick in die spannenden Erkenntnisse möchte ich hier mit euch teilen.

In Münster werden vielerlei Traditionen liebevoll gepflegt und wertschätzend geachtet. Der Karneval gehört selbstverständlich zu Münster, viele begeisterte und begeisternde Menschen leben hier diese besondere Art des Brauchtums mit großer Leidenschaft. Das Klischee des sturen Westfalen ist zumindest in der närrischen Zeit ein reines Märchen 😉


Ab und zu gibt es dann Ereignisse, die diese Selbstverständlichkeit der Brauchtumspflege um Facetten der Nachdenklichkeit und des Erinnerns an vergangene Zeiten ergänzen.

Anfang des Jahres 2016 war so ein Ereignis: Der Rosenmontagsumzug – absoluter Höhepunkt des geselligen Karnevalstreibens – wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt, weil ein Sturmtief angekündigt war…

Wie wir heute wissen, ist dieser Sturm dann gar nicht in Münster aufgetaucht – über die Absage des Umzugs musste aber vergleichsweise früh entschieden werden, da zur hiesigen Tradition die Teilnahme äußerst engagierter Karnevalist*innen aus den Niederlanden gehört, mit einem längeren Anfahrtsweg…

Die große Enttäuschung aller Beteiligten über den ausgefallenen Rosenmontagsumzug war aber auch eine Gelegenheit, sich zu erinnern:

Einige wenige Male gab es seit dem II. Weltkrieg keinen Rosenmontagsumzug in Münster. Zuletzt 1990 – und zwar ebenfalls wegen einer Sturmwarnung!

1990 war ich zehn Jahre alt, im Lande Weitweitweg und hatte noch keinen blassen Schimmer, dass es so etwas wie Karneval überhaupt gibt … 

… 1962 kenne ich folgerichtig nur aus dem Fotoalbum meiner Großeltern – auch da wurde der Umzug in Münster abgesagt. Damals gab es eine große Sturmflut an der Nordseeküste, das Gebiet um Hamburg war schwer betroffen, über 300 Menschen kamen ums Leben – dieses furchtbare Unglück beherrschte damals die Schlagzeilen, und statt eines Karnevalsumzuges wurde zu Spenden für die Betroffenen der Katastrophe aufgerufen.

Nach dem Ende des II. Weltkriegs 1945 gab es zwar noch nicht direkt wieder einen Umzug, aber die Karnevalist*innen Münsters trafen sich wieder, waren sich einig, dass mit dem Wiederaufbau der Stadt auch die Symbole des Zusammenhalts und gesellschaftlichen Lebens weiter gepflegt werden müssten, der erste Nachkriegskarnevalsprinz – Mäkki Reuter, genannt Prinz Max – war schnell gewählt.

Prinz Karneval 1948

Mäkki Reuter alias Prinz Max II. von Friedonesien, Prinz Karneval 1948

Und Willy Eichel (Zeitzeuge, Gründer der Karnevalsgesellschaft Paohlbürger, Komponist vieler Karnevalslieder) schreibt über diese Zeit:

Der beachtliche Schaffens- und Aufbauwille und die ungestillte Sehnsucht nach einem friedlichen und harmonischen Zusammenleben schlug sich auch auf das Karnevalsgut in Münster nieder. So konnte man neben dem allgemeinen Wiedererstarken karnevalistischen Brauchtums schon Mitte der fünfziger Jahre stolz auf eine Verdoppelung der damals knapp zehn Karnevalsgesellschaften blicken. 

(Quelle: http://www.eichelwilly.de)

Der erste Nachkriegsrosenmontagsumzug fand 1950 statt – und zwar, wie mir berichtet worden ist, in strömendem Regen (dieses Münster-Klischee traf hier also zu). Ein regenfreies Foto aus dem Archiv Henning Stoffers:

blog_foto_karneval_umzug-stoffers

In den Unterlagen der Schweine-Schinken Schützengesellschaft (gegründet 1890) ist 1949 verzeichnet:SchweineSchinkenSchützen

Es ist noch nicht wahrscheinlich, dass im Jahre 1950 ein Karnevalszug in Münster stattfindet.

Aber auf den nächsten – übrigens durchweg handschriftlich verfassten – Seiten heißt es dann, ebenfalls 1949:

Der Präsident gibt bekannt, dass im Bürgerausschuss nach lebhafter Aussprache beschlossen sei, einen Rosenmontagszug aufzuziehen und weist auch auf die Bedeutung hin, warum Münster mitmachen muss, wenn es sich nicht von kleinen Städtchen und Dörfern den Rang ablaufen lassen will.

Alle Vereine und Gesellschaften, die heute im Bürgerausschuss münsterscher Karneval (BMK) versammelt sind, tragen lustige, klingende Namen, die jeweils ihre ganz eigene Geschichte erzählen. Aus der genannten Schweine-Schinken Schützengesellschaft stammte auch der erste Prinz Karneval der Nachkriegszeit, Mäkki Reuter. Bis heute ist diese Gesellschaft als eine von vielen aktiv, und ihr langjähriges vielverdientes Mitglied Günther Honerpeick (ehemaliger Präsident des BMK) hat mir dankenswerterweise Einblick in alte Unterlagen wie Jahresschriften und Versammlungsprotokolle gewährt.

SchSchSch

Königswürden – aus den Unterlagen der Sch.Sch.Sch.

Eines wird deutlich:

In einer Zeit, in der die Not des Kriegsgeschehens noch so deutlich im Gedächtnis und auch so deutlich im zerstörten Stadtbild eingebrannt sind, war es für viele münstersche Bürger*innen immens wichtig, alles zu geben, damit es nicht nur weitergeht, sondern vor allem wieder Frohsinn gespürt und gelebt werden kann. Der Karneval trägt sicherlich identitätsstiftend dazu bei.

www.sto-ms.de

Rosenmontagsumzug @ Bogenstraße (hinten sichtbar: St. Lamberti), aus dem Archiv Henning Stoffers http://www.sto-ms.de

Erinnern möchte ich in diesem Zusammenhang auch daran, dass zur selben Zeit, als erstmalig wieder ein Rosenmontagszug durch Münsters teilweise noch stark beschädigte Straßen zog, auch erstmalig wieder ein Türmer auf St. Lamberti ins Horn tutete (Karl der Erste, klick)! Auch er ist eines von vielen Symbolen der traditionsreichen Stadt Münster, die nach dem II. Weltkrieg ungewöhnliche Wege gegangen ist.

Interessant auch dies:
Der Prinz Karneval von 1954, Günter Klein, soll nicht nur ein grandioser Sänger gewesen sein, er war auch leitender Mitarbeiter des „Münster Marketing“-Vorläufers, nämlich des Verkehrsvereins.

Der größte Sänger und Karnevalsprinz (1930, 1931 und 1932!) aber ist unbestritten der Tenor und Braumeister Pinkus Müller – seine Bildergeschichte findet sich bei Henning Stoffers (klick!).

Eine lustige Geschichte ist die des Karnevalsprinzen von 1955, Franz III. (Feldhaus): Er sei völlig übermüdet gewesen von all den Sitzungen und dem ständigen Winken und Helau!-Rufen, und so saß er dann vor seiner Proklamation früh morgens total übernächtigt in der St. Lambertikirche, und wollte doch tatsächlich nach der Predigt des Pfarrers wie den ganzen Tag und die Nacht zuvor reflexartig die Arme hochreißen, winken und Helau! brüllen – was seine Frau gerade noch verhindern konnte…

(Nachzulesen ist diese Episode in der 100-Jahres-Chronik der Prinzengarde der Stadt Münster 1896-1996 von Theo Mathias, Selbstverlag, Münster 1995)

Wie man sieht: Münster hat in den 50er Jahren, auch unterstützt durch das Wirtschaftswunder, zu seiner fröhlichen, geselligen Lebensart zurückgefunden. Wenn sich auch manches im Laufe der Jahre hin und wieder ändert (z.B. gab es jetzt 2017 bei der beliebten TV-Sitzung „Westfalen haut auf die Pauke“ statt Fahnen-Aufzügen ein modernes Comedy- und Musikprogramm) – im Kern bleibt Münsters Karneval sich treu, und das empfinde ich als Neu-Münsteranerin mit Migrationshintergrund als „typisch Münster“:

Der Moderne eine Chance geben bei gleichzeitiger Treue zum traditionellen Brauchtum!

Ein Blick in noch fernere Zeiten:

Der „Westfälische Merkur“ (den lese ich ab und an z.B. auf Mikrofiche im Stadtarchiv) schreibt um 1920:

Westfälischer Merkur

Westfälischer Merkur (hier: ULB Handschriftenlesesaal)

Im Jahre 1833 wurde die älteste der jetzigen Karnevals-Gesellschaften „Freudenthal“ gegründet (…)

Auch der kaufmännische Verein „Union“ pflegte unter dem Namen „Noinu-Feldlager“ zur Fastnachtszeit und vorher sehr gut besuchte humoristische Sitzungen zu veranstalten.

Der erste größere Rosenmontagsumzug fand im Jahre 1896 statt; als Prinz Karneval fungierte der frühere Ministerpräsident des Noinu-Feldlagers Herr Christel Kortmann. 

Diesem ersten, glücklich verlaufenen Versuche folgten noch manche andere, die stets als gelungen zu bezeichnen sind und sehr viele Schaulustige von nah und fern nach Münster zogen, bis der unglückliche Krieg von 1914 diesen Umzügen ein Ende setzte.

Die weitere Recherche zeigte: Dieser historische erste Prinz Karneval Christian „Christel“ Kortmann war ein Tuchhändler auf dem Prinzipalmarkt!

Und so findet man viele, viele weitere interessante Zusammenhänge im Zeichen des münsterschen Karnevals…

Dieses Jahr hoffe ich auf einen fulminanten, bunten, großartigen Rosenmontagsumzug mit Prinz Ingo I. 2017 – ohne Sturm und ohne sonstige Katastrophen(warnungen), und forsche fleißig weiter in der (für mich ziemlich) exotischen Historie meiner neuen Heimat …

Prinz Ingo auf dem Turm

Prinz Ingo I. trägt sich ins Turm-Gästebuch ein

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