Turmstuben-Bücher Dezember 2014

Die dezemberliche Turmstuben-Bücherei 2014 hält bereit:

Reinhard Scheiblich: „Leuchttürme an Deutschlands Küsten“, Delius, Klasing & Co. KG, Bielefeld 2003

Marcus Herrenberger: „Jahrhundert einer Ratte. Zwischen Lenin, Jazz & Harry Lime. Von Casablanca nach Kyoto“, minedition, Bargteheide und Hong Kong 2008

Paul Auster: „Winterjournal“, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 2013

Leuchttürme an Deutschlands Küsten

Leuchttürme an Deutschlands Küsten

Leuchttürme – ich glaube, es ist klar, warum eine Türmerin so ein Buch liebt…

46 Stationen an Nord- und Ostsee werden in diesem Werk mit wunderschönen Fotos und interessanten Hintergrundinfos vorgestellt. Aus dem Vorwort:

Seit einiger Zeit hat auf den Leuchttürmen die Automatisierung Einzug erhalten; Leuchtturmwärter gehören der Vergangenheit an. Ihrem Berufsstand haftet etwas Romantisches an, das mit der Realität zwar nur selten etwas zu tun hatte, aber doch mit dem ‚Mann im Turm‘ in Verbindung gebracht wurde. Viele ‚altehrwürdige‘ Leuchttürme sind heute noch in Betrieb und ziehen ein wachsendes Interesse der Öffentlichkeit auf sich. (…)

Jeder Leuchtturm hat seine ganz eigene Geschichte und Ausstrahlung, die hier auch in den Fotos zum Ausdruck kommt.

Übrigens: Auf der Insel Pharos vor Alexandria in Ägypten stand lange Jahre ein Leuchtturm, der zu den Sieben Weltwundern der Antike gehörte. Historisch belegt ist seine Funktion als Leuchtturm während der römischen Herrschaft. Aus dem Wort Pharos wurde im Französischen ‚phare‘ und im Italienischen ‚faro‘ – ‚Leuchtturm‘.

Ein netter Leser meines Blogs hat mich in diesem Zusammenhang auf Arno Schmidt aufmerksam gemacht:
Arno Schmidt: „Pharos oder die Macht der Dichter“. In: „Kleinere Erzählungen – Gedichte – Juvenilia“. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Haffmans Verlag, Bargfeld 1988 (geschrieben etwa 1945).


Jahrhundert einer Ratte

Jahrhundert einer Ratte

Prof. Marcus Herrenberger lehrt im Fachbereich Design an der FH Münster. Er ist Autor, Illustrator und Comic-Zeichner. Das Buch „Jahrhundert einer Ratte“ ist Historytainment im grafischen Bereich – Leser*innen und Betrachter*innen dieses großformatigen Werks erfahren eine Menge über kulturelle und politische Ereignisse wie zB. die russische Oktoberrevolution, und auch in Münster macht die reisende Ratte Station. Es ist spannend und lustig, die vielen Ereignisse des Weltgeschehens zu verfolgen, an denen immer auch die Ratte beteiligt ist, ein bisschen wie Forrest Gump, nur ganz anders. Den Hauptteil machen die Zeichnungen aus, unten steht die Geschichte als Text. Auf S. 68 sieht man die St. Lambertikirche:

Die Ratte in Münster...

Die Ratte in Münster…


Winterjournal

Winterjournal

Bei den Leuchttürmen ist der Turm-Bezug überdeutlich, beim Jahrhundert der Ratte ist es ein eindeutiger Münster-Bezug – und bei Paul Auster? Interessant finde ich in seiner Autobiografie „Winterjournal“, wie er über sich selbst und die Stationen seines Lebens schreibt: nämlich in der 2. Person Singular!

(…) 2, rue du Louvre; I. Arrondissement, Paris: Ein Dienstmädchenzimmer (chambre de bonne) im obersten Stock eines sechsstöckigen Gebäudes unweit der Seine. Alter: 25. Das Zimmer ging nach hinten, und wenn du aus dem Fenster sahst, fiel dein Blick auf einen Wasserspeier des Glockenturms der Kirche nebenan – Saint-Germain l’Auxerrois, die Kirche, deren Glocken am 24. August 1572 ununterbrochen läuteten, um die Nachricht vom Massaker der Bartholomäusnacht zu verkünden. (…)“ (Auster, S. 86)

Paul Auster (*1947)  ist ein sehr gebildeter, interessanter Mensch, der über Details aus seinem Leben so genau berichtet, dass man sich als Leser*in oft wundert, wie ein Mensch mit über 60 Jahren bloß so intensive Erinnerungen an seine früheste Kindheit und Jugend bewahrt hat. Es ist sein Stil, der verblüfft und berührt, und der in der vorliegenden Ausgabe durch Werner Schmitz sehr gut ins Deutsche übersetzt worden ist. Auster beobachtet sich und seine Umwelt sehr genau und beschönigt nichts, schreibt auch freimütig über seine Charakterschwächen. Dieses genaue Beobachten kommt einer Position auf einem Turme mit Blick auf sich selbst und seine eigene Vergangenheit und Gegenwart gleich.

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