Kiepenkerl

Bei der Recherche über interessante Münsteraner Persönlichkeiten mit Bezug zu „meiner“ Lambertikirche bin ich auf den 2001 verstorbenen Bäckermeister, Kommunalpolitiker und Traditionsliebhaber Heinrich Morthorst gestoßen, der Vielen als DER Kiepenkerl ein Begriff sein wird.

Die 2003 erschienene Biographie über Heinrich Morthorst von Dr. Günther Mees (ehemaliger Chefredakteur der Bistumszeitung Kirche+Leben) ist ein außergewöhnliches literarisches Denkmal für einen außergewöhnlichen Menschen.

(Günther Mees: „Heinrich Morthorst. Zwischen Kiepe und Kreuz“, Aschendorff Verlag Münster 2003)

Als Bäckergeselle trug Morthorst tatsächlich das Brot in der Kiepe (ein geflochtener Korb, der auf den Rücken geschnallt wird und dem Transport von Waren diente) aus – er setzte sich also für ein typisch westfälisches Brauchtum ein, das er selbst erlebt und gelebt hat.

Der Kiepenkerl ist eines der Wahrzeichen unserer schönen Stadt Münster in Westfalen. Auf dem Spiekerhof steht heute ein Denkmal, das einen Kiepenkerl darstellt, vor diesem hat sich Heinrich Morthorst gerne fotografieren lassen. Es steht vor den beiden Gasthäusern „Großer Kiepenkerl“ und „Kleiner Kiepenkerl“ und hat eine bewegte Geschichte, die auch in der Morthorst-Biographie sowie im Blog des Stadtmuseums von Münster nachzulesen ist: „Das Kiepenkerldenkmal. Ein Denkmal entsteht neu. Von Dr. Bernd Thier

Nach dem II. Weltkrieg bekam der Künstler Albert Mazzotti den Auftrag, ein Modell für ein neues Denkmal aus Bronze anzufertigen, da das alte (aus Gips) beim Einzug der Alliierten zerstört worden war.
Bei der Enthüllung 1953 war der damalige Bundespräsident Prof. Theodor Heuss in Münster, der einmal den gerne zitierten Satz sagte: „Wenn ich in einer schönen Stadt war, habe ich immer gesagt, sie sei die zweitschönste in Deutschland, ob es nun Bamberg oder Bremen war. Damit provozierte ich die Frage, welche denn die schönste sei. Und dann habe ich gesagt: Münster.“
Zurück zu Heinrich Morthorst:
Er war historisch sehr interessiert und bewandert:
„Heinrich liebte es, im Schatten der Geschichte, besser noch: inmitten historischer Bauwerke zu wohnen und zu leben. (…) Doch in Münster St. Lamberti schlug sein Herz. (…) Die historisch zweifellos interessanten und bedeutsamen Ausdehnungen, Abzweigungen und Neugründungen werden in Heinrichs Bewusstsein die Überzeugung gestärkt haben, als Handwerker und Kaufmann an einem lebendigen Mittelpunkt des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens tätig sein zu können.“ (Mees, S. 59f.)
Und so war er maßgeblich am Wiederaufbau der Pfarrei und der St. Lambertikirche nach dem II. Weltkrieg beteiligt, er wurde 1954 auch in den Kirchenvorstand berufen und erst Ende 1970 verabschiedete er sich aus diesem, da er dann nach Coerde zog.
Aber bis dahin kollektierte er bei Messen und sang im Kirchenchor mit, in dem er Ehrenvorsitzender wurde.

Auf S. 55 ist ein Foto abgedruckt, das Heinrich Morthorst in der Türmerstube auf St. Lamberti zeigt, zusammen mit meinem Vor-Vorgänger Roland Mehring!

Kiepenkerl und Türmer. In: Heinrich Morthorst... von Günther Mees

Kiepenkerl und Türmer. In: Heinrich Morthorst… von Günther Mees

Die Geschichte der Bülter St. Petri-Bruderschaft von 1652 ist eine sehr interessante Geschichte für sich – hier sei nur soviel verraten: Heinrich Morthorst wurde 1960 als Bruderschaftler aufgenommen und bei der 325-Jubiläumsfeier hielt er eine bewegende Rede, die zum Teil auch in der Mees-Biographie abgedruckt ist. Bei dieser Gelegenheit stellt der Autor über Morthorst fest, dass hier wieder „sein historisches Interesse, das er lediglich durch sein Selbststudium genährt hat, wozu er auch die vielen Vorträge prominenter Leute rechnete, denen er als Kiepenkerl zuhören konnte“ zum Tragen kam.
Ich finde die Lebensgeschichte des Heinrich Morthorst äußerst interessant und inspirierend; vor Allem, dass er neben dem Aufbau seiner eigenen Existenz als Bäckermeister noch die Zeit und den Willen und anscheinend auch große Freude hatte, sich für seine Gemeinde und die Traditionen zu engagieren. Ich fühle mich ihm sehr verbunden und hätte ihn gerne noch kennengelernt.

Nebenbei bemerkt: Dieser in der münsterschen Gesellschaft, Politik und katholischen Kirche hoch angesehene Mann ist kein gebürtiger Münsteraner gewesen! Geboren wurde Heinrich Morthorst in Dinklage 🙂

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