Türme, Türme, Türme

Türme, Türme, Türme, wohin das Auge blicket

Wenn ich Zeitung lese, habe ich mittlerweile den „Turm-Blick“; d.h. ich scanne automatisch die Artikel nach dem Wort „Turm„. Und ich werde öfter fündig, als ich dachte – und zum Teil sogar in Rubriken, von denen man es vielleicht nie erahnt hätte…

Hier eine Auswahl der „Beute“:

Essen, Opernplatz: RWE-Zentrale. Der Turm: ungefähr 130 Meter hoch! Ein imposantes Gebäude, das als Symbol für die Zukunft eines starken Konzerns stehen sollte.

http://www.baukunst-nrw.de/objekte/RWE-Turm-Essen--350.htm

Foto: Holger Knauf, Quelle: baukunst-nrw.de

Das Problem: Die Geschäfte für #RWE laufen nicht mehr so gut, und durch das neue #EEG-Gesetz vom Juni kann es noch schwieriger werden (dann würde nämlich der selbst erzeugte Strom für den Braunkohletagebau umlagepflichtig – und das wird teuer!).

Deshalb titelte die #Süddeutsche Zeitung am 16./17.8.2014: „Turmhohe Probleme“.

In direktem Zusammenhang damit: Der neue Windpark von RWE auf der Königshovener Höhe zwischen Grevenbroich und Bedburg. Dieser entsteht auf ehemaligem Braunkohleboden (#Garzweiler). Die alten Kohle- und Gaskraftwerke spielen nun nicht mal mehr das Geld ein, das sie verbrauchen.

Ich finde es immer sehr interessant, wo Gegensätze wie Alt und Neu aufeinanderprallen – so wie hier im alten Kohlerevier mit den neuen Anlagen für Windenergie. Bleibt abzuwarten, wie sich die Situation noch entwickeln wird…


 

Noch ein Problem-Turm, der nicht mehr steht, aber wieder aufgebaut werden soll:

Potsdam, Breite Straße: Garnisonskirche. Der Turm soll (wieder aufgebaut) 90m messen!

Die #Garnisonskirche wurde ihrerzeit initiiert vom „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., 1732 wurde sie geweiht. Damit ist sie eine Militärkirche gewesen, ein Symbol des Preußentums.

http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Potsdamer-Garnisonkirchen-Stiftung-verliert-Millionen-Euro-an-Spendengeldern-die-Stiftung-Preussisches-Kulturerbe-zieht-sich-aus-dem-Projekt-zurueck

Historische Ansicht, um 1827. Quelle: Carl Georg Adolph Hasenpflug, maz-online.de

 

Negativ konnotiert ist sie für ihre Gegner*innen durch die Machtinszenierung der Nationalsozialisten („Tag von Potsdam“, als am 21. März 1933 Hitler und Reichspräsident Hindenburg durch ihren Handschlag Preußen und den Nationalsozialismus verbanden).

Als 1945 die Alliierten angriffen, brannte die Kirche, der Turm allerdings hielt stand. Aber 1968 ließen die DDR-Machthaber (mutmaßlich Walter Ulbricht) den Turm als für den sozialistischen Staat unerwünschtes preußisches Überbleibsel sprengen.

Die Befürworter*innen des Wiederaufbaus: 2004 wurde eine Fördergesellschaft gegründet, 2008 eine Stiftung, die mit einer neuen Garnisonskirche der Widerstandskämpfer gedenken will. Der Plan sieht vor, dass der Turm 2017 fertig sein soll.

Auch hier prallen Welten aufeinander: Tradition gegen Moderne, „ein bunter Haufen Aktivisten steht gegen viel Prominenz“, so die Süddeutsche Zeitung am 26./27.7.2014 (Titel: „Angst vor dem preußischen Disneyland“).

Manfred Stolpe, der Ex-Ministerpräsident von Brandenburg, ist ein Befürworter des Neubaus. Er betont, dass keiner der Befürworter*innen die Militärkirche wiederhaben möchte, sondern die „Heiligkreuzkirche“, wie sie von der Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg genannt worden war. Und diese stehe für Frieden und für Versöhnung.

Der Oberbürgermeister von Potsdam, Jann Jakobs (SPD), ist sicher, dass der Turm gebaut werden wird. Ein geplanter Bürgerentscheid wurde am 30.7.2014 verhindert (in der Sondersitzung des Parlaments enthielt sich die Mehrheit der Abgeordneten – siehe auch Artikel „Vom hohen Turm herab“ in der Süddeutschen Zeitung vom 1.8.2014). Nun können die Gegner*innen des Wiederaufbaus nicht beweisen, dass wirklich eine Mehrheit der Bürger*innen dagegen ist. Es bleibt spannend, wie hier weiter mit der jüngsten deutschen Vergangenheit umgegangen wird…


 

Marl, an der A43 Richtung Münsterland: Der RAG-Turm. Höhe?

Der ehemalige Förderturm der Zeche Auguste Victoria der #Ruhrkohle AG ist heute nur noch Fassade ohne Funktion und soll demnächst abgerissen werden (siehe auch Artikel „Fingerzeig ins Münsterland“ der Westfälischen Nachrichten vom 16.8.2014).

 

http://www.wn.de/Fotos/Lokales/Muensterland/Foerderturm-an-der-A-43-in-Marl

Foto: Wilfried Gerharz, WN

 

Für Autobahnbefahrer*innen ist der Turm immer ein weithin sichtbares Zeichen, dass sie ungefähr 55km von Münster, 26km von Dülmen und 41km von Nottuln entfernt sind (Angaben siehe besagter WN-Artikel aus der Serie „Fast zu Hause“). Wenn der Turm erstmal nicht mehr steht, wird eine prägnante Markierung fehlen.

Auch hier ist ein interessanter Wandel zu beobachten: Das Bauwerk (von 1950) war früher wie gesagt Teil des Kohlebergwerks Auguste Victoria (benannt nach der letzten deutschen Kaiserin), im Jahr 2012 wurde dann der 928m tiefe Schacht unter dem Turm durch die Bergbaugesellschaft mit Beton verschlossen. Auf dem Gelände aber werden auch (hoffentlich!) Gebäude bestehen bleiben – 1996 wurde hier eine Behindertenwerkstatt gegründet, die unter Anderem Rahmen für den Bastelbedarf aus Buchenholz herstellt. Diese gute und sinnvolle Einrichtung gehört ebenfalls zur jüngeren Geschichte der ehemaligen Schachtanlage mit dem Turm und erzählt von deren Umwandlung.

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