Ein Türmer kommt selten allein…

Die Rezeptionsgeschichte der Türmer von Münster ist verblüffend: Während der Ständegesellschaft gering geschätzt und verachtet, im Jahre 1950 die gefeierte Wiederbesetzung nach dem II. Weltkrieg, nach und nach immer größeres Medieninteresse, und heute gibt es tägliche Anfragen für Interviewtermine etc. mit der Türmerin von Münster!

Wer waren eigentlich die Vorgänger der ersten Frau auf Lambertis Turm?

Ich habe begonnen, allerlei Quellen zu sichten und hoffe, im Laufe meiner „Karriere“ noch viel Gelegenheit zu haben, das eine oder andere über die Vorgänger zusammenzutragen.

Meinen direkten Vorgänger, Wolfram Schulze, kennt wohl jeder, der sich einmal mit Münster befasst hat, hier zu Gast war oder gar in der lebenswertesten Stadt zuhause ist. Ihn haben Journalistenteams aus aller Welt besucht und befragt, eine Video-oder Text-Anfrage im Internet gibt einiges her. Seit dem 1. Juli 1994 bis zum 31.12.2013 hat er gewissenhaft als symbolischer Vertreter der Stadtverwaltung über das Wohl der Bürgerschaft gewacht und mit dem Hornsignal angezeigt, dass kein Feind und kein Feuer zu sehen ist. Einige Male hat er sogar Brände gesichtet, sie sogleich der Feuerwehr gemeldet, die von seinen Adler-( oder besser Turmfalken-)Augen überrascht war. Mit 70 Jahren verabschiedete er sich mit der Zeremonie der feierlichen Hornübergabe aus dem aktiven Türmerposten und gab mir noch wertvolle Tipps mit auf den Weg, nicht zuletzt was lesenswerte Turm-Lektüre angeht.

Wolfram Schulze auf der GrünflächenUnterhaltung 2014

Wolfram Schulze und Martje Saljé

Ein Verzeichnis der bekannten Türmernamen auf dem Lambertusturm findet sich hier:
„Münster – so wie es war. Fotografierte Zeitgeschichte“. Ein Bildband von Walter Werland, Droste Verlag, Düsseldorf 1970. Den folgenden Abschnitt habe ich einem Ordner der Präsenzstelle in der St. Lambertikirche entnommen, zusammengestellt von dem unerschöpflichen Quell des Wissens, dem stets hilfsbereiten Hermann Hagenhoff:

„In der Wiedertäuferzeit, im Niederländisch-Spanischen Erbfolgekrieg und im Siebenjährigen Krieg hatte Münsters Türmer auf St. Lamberti über die Wacht über Feuersbrünste hinaus erhebliche militärische Bedeutung als Beobachter. Zeitweilig hielt die Stadt mehrere Türmer zugleich, die sich im Dienst ablösten.
Wer waren die Männer, die in den Jahrhunderten dort oben Wache hielten? Korrekt läßt sich das nicht mehr ermitteln. Die Feststellungen, die getroffen werden können, stützen sich auf Namenserwähnungen in alten Chroniken zu irgendeiner Gelegenheit. Anni Wulf vom Stadtarchiv hat sich bei den Feststellungen viel Mühe gegeben.
1550: Gordt Hotmar.
1583: Tonies.
1590: Melchior.
1598: Anton Walrave.
1610: Henrich Cadrians.
1612: „Der lange Dietrich“.
1627: Peter.
1656: Dirk Havemann.
1694: Fritz König.
1698: Wilm Neukerk (40 Jahre Türmer)
1700: Johann Heumann (zugleich Stadtmusikus, gest. 1702).
1716: Jacob Heumann (zugleich Kapellmeister).
1747: Velthues und Adam Geißler.
1766: Kramer.
1771: Frihage.
1781: Gerhard Feseke und Deuter.
1783: Meyberg und Stubbe.
1787: Eßmann und Wohrmann.
1789: Clasing und Schulz.
1800: Johan Bernard Fersch (geb. 1758, gest. 24.5.1828).
1825: Westarp (Türmer bis 1844).
1845: Weiß.
1846: Bernard Hubert.
1871: Theodor Paul Meyer.
1874: Theodor Meier.
1877: Joseph Kirsch.
1878: Joseph Sirleke gnt. Buschkötter (zugleich Gastwirt, Türmer bis 1907). (handschriftlich durch Hermann Hagenhoff, Präsenzstelle St. Lamberti, hinzugefügt: „29 Jahre Türmer! Kath. Pfarramt Everswinkel/Kirchenbuch: Joseph Buschkötter, geb. 23.10.1823, gestorben?? 1907?? = Großvater mütterlicherseits von Wilhelmine Danz, geb. Rölver (1894-1990)“
1907: Rosenhövel (Türmer bis 1911).
1912: Gerhard Altepost (mußte wegen Finanzschwäche der Stadt am 19.12.1922 sein Amt aufgeben).
1924: Gerhard Stüer (erster Türmer nach der Vakanz, wiedereingeführt am 31.12.1924. Türmer bis zum Tode Mitte April 1942).
1950: Karl Greuling (1942 bis 6.12.1950 war der Türmerposten wegen Kriegs- und Nachkriegszeit vakant. Greuling wurde am 1.3.1958 pensioniert).
1958: Franz Beiske (Dienstantritt 1.5.1958, gest. 26.6.1960).
1960: Karl Greuling (Februar 1960 bis 30.9.1960). – Anmerkung Türmerin Martje Saljé: Hier ist also der Alt-Türmer noch einmal für einige Monate übergangsweise eingesprungen!
1960: Roland Mehring (1.10.1960 bis 30.6.1994).
In Schreibmaschinenschrift durch Herrn Hagenhoff hinzugefügt:
1994: Wolfram Schulze (seit 1.7.1994)
Ich möchte ergänzen:
2014: Martje Saljé (seit 1.1.2014)

Dass der Türmerposten nicht nur für Touristen und Stadtführungen wichtig ist, sondern auch für einheimische Münsteraner, zeigen die vielen Briefe, Karten und virtuellen Postings, in denen oft erwähnt wird: Es sei schön, mit dem traditionellen Ton vom St. Lambertikirchturm auch ein Gesicht verbinden zu können, eine Person, die als symbolische Vertretung der Stadtverwaltung stets allabendlich über die Bürgerschaft wacht.

War das Tuten früher weniger Zeitangabe, sondern vielmehr eine Art Stechuhr, also Kontrollwerkzeug, dass der Türmer wirklich oben seinen Dienst versieht und wach ist (und nicht etwa in der Kneipe um die Ecke zecht), so ist es heute durchaus auch immer noch  Entwarnungs- oder Warnsignal, je nachdem, ob Feinde sich der Stadt nähern (eher selten) oder ein Feuer zu sehen ist (kommt vor). Will heißen: Wenn das Tuten erklingt, mit gleichmäßigem Takt, so nickt so mancher Mensch dort unten und lehnt sich beruhigt zurück.

Manche Menschen habe ich getroffen (oder sie haben mir geschrieben), die mit dem Klang des Horns noch Roland Mehring verbinden, über den alleine es schon eine Menge zu erzählen gäbe, wie mir dünkt. Mein direkter Vorgänger Wolfram Schulze ist natürlich wie erwähnt auch sehr vielen bekannt, und so werde ich beizeiten gefragt, was denn der „Alt-Türmer“ so mache. Das wiederum ist schnell zu beantworten: Ein Türmer bleibt immer Türmer, es ist eine Berufung, die nicht davon abhängt, ob man auf einem Turme wacht. Frei nach Goethe: …es sei wie es wolle, es war doch so schön…  Die vielen Jahre auf dem Turm, Abend für Abend, sie prägen einen. Und so bleibt ein „Alt-Türmer“ auch immer wachsam, betreibt philosophische Sozialstudien und „türmt“ hin und wieder vorm Alltag auf seinen Streifzügen durch die Stadt.

Neben den erwähnten Türmern gab und gibt es eine Menge Neben- oder Vertretungstürmer. Von diesen ist wenig bekannt (mein Vertreter, der wichtigsten Mann im Hintergrund, hält sich ganz bewusst in ebendiesem Hintergrund; soviel sei verraten: er ist ein selbständiger Geschäftsmann und hat schon Wolfram Schulze jahrelang verlässlich im Urlaub vertreten) – ich hatte das Glück, zwei weiteren von den geheimnisvollen Vertretern in persona begegnen zu dürfen. Einer hat heute in der Tourismusbranche eine wunderbare interessante Anstellung inne, ein anderer ist schon im verdienten Ruhestand und – Zufall? Schicksal? – mein direkter Nachbar! Mit beiden werde ich hoffentlich noch einige spannende Gespräche führen können, mit Schwerpunktthema Lambertus…

Die nächsten Jahrzehnte werde also ich hier oben wachen, und langsam wird mir bewusst, dass ich damit ebenfalls Geschichte schreibe, nämlich als erste Frau in diesem ungewöhnlichen Beruf in der Stadt Münster in Nordrhein-Westfalen. Es sei wie es wolle, es ist unsagbar schön!

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