Schatz geborgen! Im Handschriftenlesesaal wohnt das Glück…

Die Netzwerkerei birgt immer wieder freudige Überraschungen: Mich erreichte der Tipp, dass eine Sammlung eines gewissen Johannes RÖDIGER aus Münster, seines Zeichens in Erscheinung getreten als „Königlicher Hof-Maurermeister“, „Feuer-Societäts-Commissar“ und „Gerichts- und Feuersoz.-Taxator“, in den Katakomben der ULB (Universitäts- und Landesbibliothek Münster) schlummerte und nur auf mich wartete.

Und tatsächlich: Das Schlagwort „St. Lamberti“ kam in der Beschreibung der besagten Sammlung vor, und diese Recherche versprach, ergiebig zu sein…

Also bestellte ich flugs einen Karton voller Rödiger-Schriften und Zeugs (ein solcher Karton wird „Kapsel“ genannt, und außer einer groben Einordnung weiß man nicht genau, was darin enthalten ist – spannend!). Zwei Tage später sollte ich mich im Handschriftenlesesaal der ULB am Krummen Timpen einfinden, und dann erhielt ich die „Kapsel“, Hineinschauen und Material sichten erfolgt nur unter Aufsicht. Was ich fand, war so klasse, dass ich noch zwei Mal wiederkam, um alles genau zu betrachten…

Herr Rödiger hat anscheinend unter verschiedenen Pseudonymen Artikel in den hiesigen Zeitungen publiziert, darunter auch vielerlei Hintergründiges über alte münstersche Gassen-Namen und Bauwerke (als „Plaudereien von R.“) oder auch sogenannte „Jagdplaudereien“ (als „Hubertus Nimrod“ – der Heilige Hubertus ist Schutzpatron der Jäger, Nimrod ist hebräisch für „Jäger“) und die Geschichte und Entwicklung der berühmten münsterschen Kaffeehäuser.

Über Herrn Rödiger selbst ist (noch) weniges bekannt, aber er scheint in vielen Bereichen talentiert und interessiert gewesen zu sein; außer den sehr kurzweiligen, lehrreichen Texten sind ein paar Skizzen in einem alten Skizzenblock erhalten, sowohl klassische Bauzeichnungen (Kirchen, Portale, Häuserfronten etc.) als auch Portraits verschiedener Menschen und Detailstudien, oft versehen mit humorvollen Zeilen, z.B.:

„Ich baut‘ für mich – was kümmert’s Dich!“

„Wer baut an Straßen und Gassen
Muß sich viel sagen lassen!“

„Der Fisch muß schwimmen, soll er gedeih’n,
Lebendig im Wasser, verspeiset im Wein.“

Interessante Querverweise und Ansporn für weitere Recherchen sind die Hinweise, dass die Maurermeisterfamilie Rödiger aus der Münzstraße auch Vermieter der Sängerin Hedwig Kiesekamp, geborene Bracht (1846-1919) gewesen ist, welche ihrerseits wiederum von Prof. Dr. Julius Otto Grimm (1827-1903) ausgebildet worden ist, der als Komponist und Leiter des Musikvereins maßgeblich das münstersche Musikleben geprägt hat und mit Johannes Brahms (1833-1897) befreundet gewesen ist, der auf seine Einladung hin mehrfach Münster besucht hatte… usw. (Wenn man ersteinmal damit anfängt, sich die Menschen Münsters genauer anzuschauen, wird an vielen Stellen klar: Münster muss der heimliche Mittelpunkt der Welt sein, und außerdem: man könnte die nächsten hundert Jahre und länger recherchieren und immer noch weitere interessante Dinge herausfinden…)

Zurück zu Herrn Rödiger:
Eine Schrift, überschrieben mit „St. Lamberti 1880“ enthält die Aussage, sogar außerhalb Westfalens würde man sich für die „Lambertithurmfrage“ interessieren (es geht um die Frage Abbruch bzw. Erhaltung des alten Turmes) – und dabei entstünden laut Rödiger auch gar spaßige „seltsame Schnitzer“ der Pressekollegen, wie zum Beispiel dieser:

„(…) noch heute bleichen die Gebeine der Wiedertäufer in den Käfigen des alten Thurmes (…)“

Wer dies schrieb, war entweder noch nie selbst in Münster gewesen (die Täuferleichen waren im Jahr 1536 in den Körben am Kirchturm hochgezogen worden! Zwar wurden die sterblichen Überreste nie aktiv wieder entfernt, aber Verwesung und aasfressende Vögel taten sicherlich bis ins 19./20. Jahrhundert das ihrige…) – oder der anonyme Schreiber wollte im besten Sinne des Boulevardjournalismus ein bisschen Sensation verbraten, man weiß es nicht…

Zu den Täufern aber mehr an anderer Stelle – hier möchte ich vielmehr auf einen Artikel aufmerksam machen, den unser geschätzter Herr Rödiger in einem anscheinend privaten Sammelbuch, einer Kladde, eingeklebt hatte. Es handelt sich offensichtlich um einen eigenen Text, der auch in einer Zeitung erschienen sein muss. Das selbst gestaltete Buch trägt den (ebenfalls eingeklebten) Titel „Buntes Allerlei“:

Münster vor fünfzig Jahren. Eine Plauderei von R. Nachdruck verboten. 17.8.1920.

(…) Die Lambertikirche, deren Kirchplatz einen Meter höher lag als der Prinzipalmarkt, war mit eisernen Stangen zwischen Steinpfeilern eingefriedet und zeigte noch ihr großes, ruhiges, rotes Pfanndach. Der alte Turm mit seiner charakteristischen Barockhaube hing nach Westen mehr als vier Fuß über. An seiner Südseite befanden sich weithin sichtbar, so wie auch heutigen Tages, an der, dem kunstvollen Erzeugnis eines geschickten Kuchenbäckers ähnelnden, gotischen Spitzturm, die Wahrzeichen der Stadt.

[Anmerkung Türmerin: Trotz der grammatisch fragwürdigen Verschachtelung des letzten Satzes ist die Aussage klar: Die Wahrzeichen sind die Täuferkörbe, die heute eben am gotischen Spitzturm hängen.]

Mit dem Abbruch des Daches ist 1872, mit dem des Turmes am 17. Oktober 1881 durch Abnahme des Hahnes begonnen worden. Erst 27 Jahre später, am 13. Oktober 1908, war der neue Lamberti-Turm fertig gestellt. (…)

[Anmerkung Türmerin: 1908 wurde er offiziell als fertiggestellt übergeben. Wohin der Hahn gekommen ist, weiß ich leider nicht.]

Sämtliches Hin- und Her vor dem Abbruch und Neubau, sämtliches Für und Wider und die Befindlichkeiten der damals Beteiligten Gutachter und Architekten, alles ist wundervoll dokumentiert und beschrieben und gesammelt dank des facettenreichen Herrn Rödiger – und unter Anderem auch dank der ULB heute noch erhalten und einsehbar!  Und solch einen Schatz zu sehen macht die recherchierende Türmerin von Münster glücklich – besonderen Dank an Henning Stoffers (www.sto-ms.de) und Birgit Heitfeld-Rydzik (ULB) 🙂

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