Typisch

Wenn man unterschiedliche Menschen nach dem fragt, was für sie persönlich das Typische an Münster sei, bekommt man mitunter sehr unterschiedliche Antworten, die doch im Kern wieder einiges verblüffend gemeinsam haben.

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Der Arbeitsplatz der Türmerin: Eine kleine Dienststube im Kirchturm

In ca. 75m Höhe – genau dort, wo die schöne Spitze des neogotischen Turms der St. Lambertikirche beginnt, ist innen ein kleines Zimmer. Dies ist meine Dienststube!

Turmstube - das "Büro" der Türmerin

Turmstube auf dem Lambertus-Turm zu Münster

Ein Kuriosum unter vielen ist, dass dieses Zimmer der Stadt Münster zur Verfügung gestellt ist, während das „Treppenhaus“ (298 Stufen plus 2 Stufen bis zur Türmertür!) der Kirche zugehörig ist. Und schon immer tutet der Türmer von hier aus im Auftrag der Stadt (Post für die Türmerin also bitte nicht ans Pfarrbüro, sondern an Münster Marketing adressieren, siehe Impressum / Kontaktformular).

Von einigen meiner Vorgänger sind kleinere und größere Vergehen bekannt und verzeichnet. Ein Beispiel, was sich hier abgespielt haben mag:.

Unrat vom Kirchendach werfen und Orgien feiern – so etwas ist natürlich immer schon verboten und strafbar. So manch ein Türmer hat sich jedoch nicht an die Verbote gehalten und deshalb saftige Strafen zahlen müssen, oder wurde gleich vom Dienst suspendiert. Genau wie heute war es auch noch nie gestattet, fremde Personen unangemeldet mit ins Turmzimmer zu nehmen – die einzigen Menschen, die hier oben mit mir sein dürfen, sind akkreditierte Journalisten und Medienvertreter sowie geladene Gäste des Oberbürgermeisters, oder Gäste der Kirchengemeinde, die dann entsprechend mit dem Kirchenvorstand hierherkommen. Für die Öffentlichkeit ist der Aufstieg aus versicherungsrechtlichen Gründen nicht gestattet – und warum das so ist, lässt sich leicht nachvollziehen, wenn man weiß, wie eng und gefährlich das Turminnere ist:

Das Turminnere

Der enge Turmaufgang

Dass manche Türmer lange Zeit vor mir scheinbar kein Unrechtsbewusstsein hatten, muss man näher beleuchten. Das Amt des Türmers galt im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit als „unehrlich“ – das bedeutet, ein Türmer wurde gesellschaftlich genauso verachtet wie z.B. auch Henker, Kesselflicker, Totengräber oder das sogenannte fahrende Volk (siehe Anmerkung 1).

Jemand, der außerhalb der angesehenen Stände lebte, hatte im Mittelalter und oft noch Jahrhunderte später keine Möglichkeit, jemals aus der ihm angestammten (gottgebenen) Rolle auszubrechen, sogar als die sogenannte „Ständegesellschaft“ langsam zum Auslaufmodell wurde und die aufblühenden Städte immer neue Möglichkeiten boten.

Und da nun also immer geächtete Menschen die unbeliebten Berufe ausführen mussten, die sowieso keine Chancen hatten im Leben, mögen dies auch oft Menschen gewesen sein, die sich an keine Regeln einer Gesellschaft hielten, der sie sowieso nicht angehörten.

Das Zimmer, in dem ich nun wirke – und mich selbstverständlich an alle Regeln halte, die für Angestellte der Stadt im Öffentlichen Dienst nun mal gelten, außerdem habe ich gehört, die Ständegesellschaft gelte als abgeschafft..! 😉 – mein „Büro“ also, das existiert in der heutigen Form noch nicht lange. Es ist jedenfalls nicht das „Original-Türmerzimmer“ aus dem späten 14. Jahrhundert, wo ein Türmer von St. Lamberti das erste Mal urkundlich erwähnt worden ist (siehe Anmerkung 2).

Das liegt daran, dass der erste Turm zum Ende des 19. Jahrhunderts, „der mit jedem Neubau des Kirchenschiffs erhöht worden war (…), unter dessen Gewicht indes das Fundament nachgab, abgetragen und durch einen neuen Turm (…) ersetzt werden“ musste (siehe Anmerkung 3).

Zum neuen Turm und den äußerst interessanten Hintergründen folgt ebenfalls ein Beitrag.

Anmerkung 1: Die „unehrlichen“, also ehrlosen, Stände variierten von Region zu Region.
Anmerkung 2: Der Stadtarchivar Joseph Prinz vermutete, die erste schriftliche Erwähnung sei 1383 erfolgt. Die Urkunde, die Prinz als Beleg anführt, ist im ehemaligen Staatsarchiv Münster, heute Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen (Alter DomUrk. Nr. 65) überliefert.
Anmerkung 3: Zitiert nach dem Informationsheft der Pfarrgemeinde „St. Lamberti Münster“, geschrieben von Dr. Klaus Gruna, ergänzt in der 7. Auflage durch den Pfarrer von St. Lamberti, Verlag Schnell+Steiner Regensburg , S. 6f.