Advent, Advent – eine Zeitreise mit Turmblick

Sie ist wieder da, die Adventszeit. Auf dem Turm von St. Lamberti ist die Türmerstube mit selbstgebastelten Sternen und anderem Schmuck ausgestattet. Ob das meine Vorgänger auch so gemacht haben?
Mein Blick gleitet über den Lichterschmuck allüberall da draußen in der Stadt, es sieht festlich aus, schön und friedlich wartet alles auf den Heiligen Abend und die Weihnachtstage. Was haben meine Vorgänger gesehen in den vergangenen Jahrhunderten, wenn sie wie ich heute „am hohen Balkone“ standen? Ich fange an zu recherchieren, wie die Adventszeit im Münsterland im 19. und 20. Jahrhundert gewesen ist, damit ich mir vorstellen kann, was die Türmer mit ihren Familien vielleicht erlebt haben, bevor sie täglich ihre Dienstzeit antreten mussten…

Advent, Advent – eine Zeitreise

Advent, Advent, ein Koten flennt.
Erst olf, dann bees und bald just hei.
Der Weihnachtshegel böscht tacko vorbei.
Die Kotens reunen mau ausse Finete,
die Alten ham laulone Knete,
da lässt der Schauter einen ballern,
da ham die Kotens was zu schallern.
So kann man auch mit kleinen Sachen
Kotens in Mochum Jontef machen!

Quelle: Klaus Siewert (Hrsg.), Beinah mulo gedellt … Textbuch Masematte III. Waxmann Verlag, Münster / New York 1994

Die Zeiten ändern sich, doch das Brauchtum wurde und wird (nicht allein) im Münsterlande immer liebevoll gepflegt.

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts gilt die Adventszeit vielerorts als stille Zeit des Fastens und des Gebets. Weder Tanzvergnügen noch Hochzeiten finden statt.

Stattdessen bereitet man sich innerhalb der Familie in echter Besinnung auf das baldige Erscheinen des Heilands vor, es wird zuhause allerlei Schmuck für den Weihnachtsbaum gebastelt und es werden geistliche Lieder gesungen.

Von vielen Türmern auf St. Lamberti sind die Familienverhältnisse nicht bekannt, aber von einem liest man in den erhaltenen Strafprozessprotokollen, er habe Weib und Kind mit nach oben genommen und offenes Licht (vermutlich Kerzen) gebraucht – alles laut Dienstordnung nicht erlaubt! – daraufhin hat er eine Strafe zahlen müssen. Ein anderer Türmer hatte aus zwei Ehen insgesamt neun Kinder, und diese Kinderschar wollte sicherlich auch Weihnachtsgeschenke bekommen; von diesem Türmer ist verzeichnet, er habe mit Kleinwaren gehandelt, eine Bierschenkkonzession gehabt und sei sehr gewissenhaft bis ins hohe Alter von über 80 auf den Turm gestiegen… alles, um seine große Familie unterhalten zu können. Ich habe es da mit lediglich einer einzigen vierbeinigen schwarzweißen Tochter vergleichsweise einfach, sie ist mit einer Extra-Spielstunde und Fisch aus der Dose an den Feiertagen zufrieden…

(Die Feiertage sind natürlich auch heute noch Dienst-Tage für städtisch angestellte Türmer, heutzutage allerdings mit dem Vorteil der TVÖD nebst Feiertagszuschlägen. Reich wird man so  immer noch nicht, aber die Lebensumstände haben sich immens verbessert!)

Martje Salje (Zeichnung)

Zeichnung: m:::ART:::je

Einige Tage im Advent sind ganz besondere Tage:

Zu jedem der vier Adventssonntage wird eine rote Kerze am grünen Kranze angezündet. Des Adventskranz gibt es noch gar nicht so lange; in Hamburg gab es im 19. Jahrhundert das „Rauhe Haus“ (es steht heute noch, Klick!), damals ein Waisenheim. Der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern hatte die Idee, den Kindern dort anschaulich zu zeigen, wie lange sie sich noch bis zum Weihnachtsfest gedulden müssten. Der Ur-Adventskranz war vermutlich ein ausgedientes Kutschenrad mit 24 kleinen Kerzen für die Werktage und 4 großen Kerzen für die Sonntage. In den folgenden Jahren entwickelte sich daraus der heute bekannte Tannenzweigkranz mit den 4 Sonntagskerzen. Die weite Verbreitung der schönen Idee haben wir wahrscheinlich des Hilfsdienstes für notleidende Menschen, der Inneren Mission, dem Einflussbereich von Bethel und den Mädchen- und Frauenschulen nach dem Ersten Weltkrieg zu verdanken.

Ob in der Türmerstube auch ein Adventskranz vorhanden war? Im 19. Jahrhundert sicher nicht mit Kerzen, später vielleicht schon – schließlich galt bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Tag- UND Nachtwache, bei der die Kollegen sich abwechselten, und bis 1994 immerhin war noch bis 6 Uhr morgens Schicht im Turm; will sagen, die Türmer haben es sich mutmaßlich auch damals schon ein wenig gemütlich gemacht, wenn sie schon so viel Zeit im Turmzimmerchen verbracht haben… meine Schicht endet nach dem Mitternachts-Tuten, und dann heißt es: Katze first! 🙂 

Ein weiterer besonderer Adventstag: Der Barbara-Tag

Der 4. Dezember – ist das Fest der Heiligen Barbara, eine „historisch unwahrscheinliche Figur, dennoch eine der bekanntesten christlichen Heiligen“ (so das Ökumenische Heiligenlexikon, Klick!).

Barbara wird oft mit einem Turm als Attribut dargestellt, am Barbara-Tag 2013 wurde bekannt, dass es in Münster eine neue Türmerin geben werde (Barbara ist u.a. die Schutzpatronin der Bergleute, der Glöckner, der Feuerwehrleute, aber auch der Sterbenden…).

Am Barbara-Tag schneidet man Kirschzweige (mancherorts auch Zweige von spanischen Fliederbüschen), stellt sie ins Wasser in der warmen Stube. Nun gibt es verschiedene, aber zueinander passende Deutungen und Erklärungen: Die Zweige sollen bis Weihnachten grünen und erblühen, das ist eine Erinnerung an das Reis, das „aus der Wurzel zart“ entsprungen ist, gleichsam eine Form der „Lebensrute“, in der die Triebkraft der Natur bis in die Zeit des neuen Frühlingswerdens hinübergerettet wird.

Es wird eine gute Obsternte geben, wenn die Zweige in den nächsten Tagen und Wochen austreiben, so heißt es.

Barbarazweige wirken auch als Heiratsorakel: Heiratsfähige Mädchen stellen drei Zweige auf. Mit jedem Zweig ist eine Frage verbunden:

  1. Kommt der Freier bald?

  2. Ist er jung und schön?

  3. Ist er reich und angenehm?

Wenn der jeweilige Zweig wirklich austreibt, gilt die Antwort als positiv.

Wächtersingen

Das Singen verbreitet sich im 19. Jahrhundert besonders an den Adventssonntagen auch durch die Kollegen Nachtwächter, die mit einigen Bürger*innen durch die Orte ziehen; gesungen werden z.B. die Lieder „Wie soll ich dich empfangen?“ (Paul Gerhardt, Klick!) und „Willkommen, Quell der Freuden“ (Heinrich Julius Tode bei Wikipedia, klick!).

Das nennt man dann regional unterschiedlich Wächtersingen oder Adventssingen.

Aus diesem Brauch entwickelt sich z.B. in Soest (Klick!) das berühmte Gloriasingen vom Turme der Petrikirche an Heiligabend!

Übrigens: … glaubt ihr an den Nikolaus oder an das Christkind?

Auch der Nikolausabend (6. Dezember) ist etwas besonderes und wird von Ort zu Ort ähnlich, und doch mit Unterschieden begangen, und auch spezielle Nikolaus-Lieder sind überliefert – Lasst uns froh und munter sein; Niklaus, komm in unser Haus – einen fundierten und sehr interessanten Bericht zu diesem Komplex findet ihr auf einem Blog, das sich speziell dem deutschen Liedgut und seiner Analyse widmet, der Artikel heißt „Saisonale Vorfreudelieder religiösen Ursprungs…“ (Klick!).

Manchmal ist der Nikolaus leibhaftig in den Häusern oder vor den Häusern zugegen und verteilt (mal mit, mal ohne Knecht Ruprecht, der auch Hans Muff genannt wird) Äpfel und Nüsse an die braven Kinder. Die unartigen Kinder bekommen eine Rute – und interessant ist, dass gar nicht immer mit der Rute geschlagen wird, sondern die Rute auch als „Lebensrute“ gesehen werden kann, ganz ähnlich den Barbarazweigen, sozusagen ein freundlicher Segen! So erzählten mir jedenfalls meine interviewten Zeitzeug*innen vergangener Tage…

Und sie wissen auch:

Wenn es regnet an Sankt Nikolaus,
wird der Winter streng und graus.

Wo der Nikolaus nicht persönlich auftritt, füllt er die Teller oder Holzschuhe der Kinder mit den beliebten Äpfeln und Nüssen, oder die Gaben kommen des Nächtens auf magische Art und Weise durch den Kamin. Mancherorts gibt es auch größere Geschenke.

Sehr bekannt ist bis heute auch der Kuchenmann mit Korinthenaugen – der Stutenkerl, Klauskerl, Nikolausmännken aus Weißbrotteig, in früheren Zeiten wohl vor allem ein Festgebäck für die reicheren Leute, und damit eher kein Schmaus für arme Türmersleut‘…

https://www.muenstermama.de/wp-content/uploads/2014/11/Stutenkerl.jpg

Stutenkerl – gefunden bei Münstermama, Klick!

Das große Schenken zu Heiligabend, das wir heute kennen, ist im 19. Jahrhundert unbekannt – die beiden wichtigsten Geschenktermine für Kinder, Mägde und Knechte des Haushalts sind der Nikolaustag und das Neujahrsfest!

Evangelische Kinder bekommen ihre Gaben aber meistens nicht vom Nikolaus, dem Heiligen Bischof zu Pferde, sondern vom Christkind am Adventssonntag.

  • Randnotiz: Evangelische Türmer hat es meines Wissens nach bis 1994 NICHT auf St. Lamberti gegeben – obschon es immer der Stadt unterstellte Männer waren, keine Kirchenbediensteten…

In Süd- und Nordwestfalen herrscht noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine derbere Form der Nikolausfeierei: Das „wilde Nikolaustreiben“. Dabei verkleiden und maskieren sich Kinder und Jugendliche bis zur Unkenntlichkeit und ziehen mit einem Sack von Haus zu Haus, singen Lieder, erbetteln sich Süßigkeiten und mancherorts ist es üblich, laut Krach und fiese Späße zu machen – so wird aus Preußisch-Ströhen berichtet, dass Kinder, Mägde und Knechte, die als unartig diffamiert waren, in Stricke gelegt und in den tiefen Wald verschleppt und dort mit verbundenen Augen solange im Kreis geführt worden sind, dass sie in der Dunkelheit lange Zeit nicht wieder nach Hause gefunden haben… Bitte nicht nachmachen, gell!

Bescherung

Entweder am Heiligen Abend oder am Morgen des 1. Weihnachtstages findet im 20. Jahrhundert die Bescherung statt – die Türmer von St. Lamberti hatten erst ihre Schicht auf dem Turm durchzuführen, dann kehren sie heim. Unter dem Baum liegen Geschenke wie Bücher und Bilderbücher,  Unterhaltungsspiele, Baukästen, Musikinstrumente und Anziehsachen aus Wolle. Mein Umhang – nach historischem Vorbild gefertigt – ist übrigens aus Wolle und eines der wichtigsten Utensilien in der Winterzeit, er sieht nicht nur total schön aus, sondern hält vor allem muckelig warm. Ich hoffe sehr, meine Vorgänger hatten es auch angemessen warm während ihrer Schicht!

Foto: Martin Lohoff

Türmerin mit Horn und Umhang,  Foto: Martin Lohoff

Die Vertreibung der Dunkelheit – die Sehnsucht nach dem Licht (Christus)

Eine wunderbare Verbindung von Traditionen ist das Mittwinterhorn, auch Dwerthorn oder Middewintershorn genannt. Heutzutage ist es vor allem in den Niederlanden bekannt und dort auf der Liste des nationalen immateriellen Kulturerbes geführt, aber lange Zeit wird es auch im Münsterland gepflegt:

Offenbar ist es eine ursprünglich heidnische Zeremonie, um böse Geister und dunkle Dämonen zu verjagen und wurde dann christlich umgedeutet als Ankündigung des Lichtes, namentlich des Christkindes, die Geburt des Heilands.

Jedes Mittwinterhorn (in den Niederlanden Midwinterhoorn genannt) ist ein Unikat, im 19. Jahrhundert legen es die „Burschen“ auf den Zaun oder auf den Brunnenrand um den Schall zu verstärken, und blasen an den Adventssonntagen, um den Wechsel des Jahres einzuleiten, von hier und dort hört er andere Hörner antworten.

Auch Tierhörner werden zum Blasen verwendet, diese Variante kommt bei Hirten und Schäfern oft vor. Eine Zeitzeugin aus Halverde berichtet, dass der örtliche Holzschuhmacher die Hörner aus Holz anfertigte, wenn man kein Ochsenhorn oder ähnliches zur Verfügung hatte. In den Niederlanden wird vielerorts heute noch das Horn im Advent geblasen – und vorher meistens auch selbst angefertigt. Eine Anleitung mit Virtual Reality-Passagen findet ihr z.B. im Buch von Paul Wigger: Wett’n van Toet’n en Bloaz’n (Klick!).

A pro pos: Auch in diesem Jahr (2017) freue ich mich darauf, unsere niederländischen Freunde aus Twente in Münster mit ihren kunstvoll selbstgemachten Mitttwinterhörnern begrüßen zu können – sie werden an einem der Adventstage vom Turm der St. Lambertikirche ihre langen, melancholischen Klänge ertönen lassen, und zwar am

16.12.2017 gegen 18:00 Uhr!

(mein Artikel zum letzten Treffen: Klick!)

Mehr über diese wunderschöne Tradition lest ihr auf den Seiten der Stichting Midwinterhoornblazen Twenthe (Klick!).

Stichting Midwinterhoornblazen Twenthe

Foto: zur Verfügung gestellt von Drs Ben J. F. Kornegoor, Stichting Midwinterhoornblazen Twenthe

Schlussbemerkung und Dank

Für diesen Artikel habe ich gezielt nach Aufzeichnungen von (auto)biographischen Erinnerungen an die Adventszeit im Münsterland gesucht, außerdem mit einigen älteren Menschen gesprochen, die mir aus ihrer Sicht etwas über „Advent – damals“ erzählt haben.

Ich danke allen Zeitzeug*innen, der ULB, der Stadtbücherei, der Bibliothek des LWL-Museums für Kunst und Kultur und ganz besonders dem Antiquariat Jos Fritz für die Unterstützung.

Allen meinen Leser*innen wünsche ich eine friedliche Advents- und Weihnachtszeit!


Quellen (Auszug):

Renate Brockpähler (Hrsg.): Aus dem Leben einer Bäuerin im Münsterland. Gertrud Rolfes berichtet. Coppenrath Verlag, Münster 1981

Dietmar Sauermann: Damals bei uns in Westfalen. Vom alten Brauch in Stadt und Land. Ländliches Brauchtum im Jahreslauf in Bildern und Berichten aus dem Archiv für westfälische Volkskunde. Güth Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG / Heckmann Verlag, Rheda-Wiedenbrück 1988

Ders.: Von Advent bis Dreikönige. Weihnachten in Westfalen. Wachmann Verlag, Münster / New York 1996

Paul Sartori: Westfälische Volkskunde. Verlag Quelle & Meyer, Leipzig 1929

Beiträge zur Volkskunde im Tecklenburger Land. Sitte und Brauchtum unter besonderer Berücksichtigung des Schützenbrauchtums. Zusammengestellt und bearbeitet von Friedrich Ernst Hunsche und Friedrich Schmidt. Zum 50jährigen Bestehen des Kreisheimatbundes und des Kreisheimatschützenbundes Tecklenburg 1974

Advertisements

5 Gedanken zu “Advent, Advent – eine Zeitreise mit Turmblick

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s