Der Jenaer Fenstersturz – ein Dichter und das Weltenende

Am 22. November 1805 stürzt sich ein hochbegabter und gefeierter, gleichermaßen aber offenbar tieftrauriger junger Mann aus Münster aus einem Fenster in der fernen Stadt Jena.

Wer war dieser Mann? Warum verließ er Münster, welche Verbindungen hatte er hier? Welche Spuren hinterließ er?


Sein Name war Franz Anton Joseph Ignaz Maria Freiherr von Sonnenberg. Geboren wurde in Münster am 5. September 1779, über seine Eltern schreibt das Taschenbuch für vaterländische Geschichte 1833:

Sein Vater war Hauptmann im Dienste des Bischofs von Münster, bieder und recht, und unter der ersten Erziehung seiner anspruchslosen Mutter äußerte sich frühzeitig des Knaben tiefes Gefühl für Freiheit und Recht.

Wie damals in adligen Kreisen üblich, bekam Franz zunächst Unterricht zuhause, dazu heißt es a.a.O.:

Seine Hauslehrer … klagten über des Knaben Unbändigkeit.

Später auf dem Gymnasium Paulinum schrieb Franz leidenschaftlich gern, anscheinend gereichte ihm die Hausaufgabe eines Lehrers, eine poetische Ausarbeitung des Themas Jüngstes Gericht, zur Inspirationsquelle – in Folge plante er (wahrscheinlich im Alter von 15 Jahren) ein Werk namens „Das Weltenende“, ganz nach seinem Vorbilde Friedrich Gottlieb Klopstock, welcher u.a. in Jena evangelische Theologie studierte und dort den „Messias“ schrieb (dieser gilt als hohe Messlatte für alle folgenden „Messiaden“, d.h. epische Darstellungen des Lebens Jesu Christi).

Franz von Sonnenberg

Franz von Sonnenberg am Haus an der Wolbecker Straße/Ecke Hansaplatz

Max Mendheim schreibt – ganz ähnlich dem o.g. Taschenbuch f. v. G. – biographisch über Franz von Sonnenberg:

Schon als Kind äußerte er sein tiefes Gefühl, seinen hohen Sinn für Freiheit und Recht und seine Verachtung alles rein Aeußerlichen, Nichtigen und Alltäglichen.

Quelle: Max Mendheim, Sonnenberg, Franz Anton Joseph Ignaz Maria Freiherr von. In: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34, 1892, S. 626 ff.

Es heißt weiterhin, Franz wäre gänzlich unwestfälisch, tendierte zum genialen, etwas verwirrten Überspanntsein, und obwohl er durchaus auch freundschaftliche Bindungen in Münster besaß – zum Beispiel zu Mitgliedern des „Kreises von Münster“, auch „Familia Sacra“ genannt, den Freunden um Amalie Fürstin von Gallitzin – trotzdem also zog es ihn früh aus Münster fort. Übrigens lästerte Franz geradezu über Münster; in der Allgemeinen Kirchenzeitung ist zu lesen:

Das Urtheil des Freiherrn Franz von Sonnenberg … spricht sich … ungünstig über den Stand geistig-sittlicher Bildung des Münsterlandes aus und preißt das Loos desselben, an das emporstrebende Preußen zu fallen, als ein sehr glückliches.

Quelle: Allgemeine Kirchenzeitung. Ein Archiv für die neueste Geschichte und Statistik der christlichen Kirche nebst einer kirchenhistorischen und kirchenrechtlichen Urkundensammlung. Ernst Zimmermann et al., Neunzehnter Jahrgang. Erster Band, Januar bis Juni, Verlag Karl Wilhelm Leske, Darmstadt 1840

Zum Gallitzin-Kreis noch folgende Bemerkung: Anton Matthias Sprickmann (Klick!), der Schriftsteller und Jurist, lehrte in Münster, war zu seiner Zeit der führende literarische Kopf in Münster, gründete hier die Freimaurerloge  Zu den drey Balken (die bis heute an der Diepenbrockstraße existiert, Klick!) und besuchte 1785 gemeinsam mit Fürstin Amalie den von ihm verehrten Goethe in Weimar – und Sprickmann war auch Lehrer von Franz von Sonnenberg, das ist eine der Verbindung des jungen Franz – übrigens stirbt Sprickmann am gleichen Tag wie sein Schüler, allerdings 28 Jahre später.

Schon mit 19 Jahren, direkt nach dem Gymnasium in Münster, hatte Franz alle erforderlichen akademischen Kurse der Juristerei in Jena abgeschlossen und konnte sich endlich dem Studium in Form und Satz der großen Dichter widmen, von denen er ein ganz besonderer werden wollte.

Seinen literarischen frühen Plan vom „Weltenende“ verfolgte er weiter (es erschien 1801 in Wien). Und auch ein weiteres Werk zeugt von riesigem Engagement: „Donatoa“, in zwei Bänden geht es auch hier um das Ende der irdischen Welt (1806 in Halle erschienen).

In einem Brief schreibt Franz über seine wahre Obsession:

Groß erhob sich einst in meiner Jünglingsseele der Gedanke, Dichter der Religion zu werden, und da die Katholiken noch keinen aufzuweisen haben, so drang die Ehrbegierde mit all ihrem Ungestüm in mein Herz.

Quelle: ULB, Link siehe unten.

Und so lebte Franz denn fortan für die Poesie. Er war in Wien, Paris, Göttingen, zwischendurch (1802) wieder mal in Münster, dann jedoch weiter, weiter, weiter, bis er 1805 wieder nach Jena kam – wo ja auch Klopstock gewesen ist.

Diesen Hang zum Ende, zum Tod, zum Überirdischen, hat er auch mit Klopstock gemeinsam, und das Taschenbuch für vaterländische Geschichte verweist im Kapitel über Franz von Sonnenberg richtig auf Schiller, der nämlich schon vor Franzens Geburt orakelte:

Kein Dichter dürfte sich weniger zum Liebling und zum Begleiter für’s Leben eignen als grade Klopstock, der uns immer nur aus dem Leben herausführt, immer nur den Geist unter die Waffen ruft, ohne den Sinn mit der ruhigen Gegenwart eines Objekts zu erquicken. (…)

Quelle: Taschenbuch für vaterländische Geschichte Münster, Franz von Sonnenberg, Münster 1833, S. 172 ff. (Digitalisiert in der ULB, klick!)

Und das Schlimme ist: Franz von Sonnenberg hat sich da tatsächlich ein sehr ungesundes Vorbild gewählt, am Ende hielt Franz es für besser, nicht auf das Weltenende zu warten, sondern sein irdisches Leben im Alter von gerade mal 26 Jahren nach 9 Tagen Hadern mit sich selbst und der Welt um ihn herum durch den Sprung aus einem Fenster zu beenden. Er war wohl vor seiner Reise nach Jena in eine Frau namens Fanny unglücklich verliebt gewesen. Einmal die unerwiderte Liebe, und dann auch die Ablehnung, als er sich zu den Waffen freiwillig melden wollte (er schrieb häufig von „Vaterlandsliebe“ und gab Deutschland, wie er es kannte, bald schon verloren), und immer wieder die besessene Beschäftigung mit dem Ende aller Zeiten machten ihm das Leben sicher schwer.

Portrait Franz von Sonnenberg

Franz von Sonnenberg. Quelle: Friedrich Becker (Hrsg.), Berühmtheiten Münsters, ca. 1860 (Digitale Sammlung der ULB Münster)

In Drakendorf bei Jena lebte er in relativer Abgeschiedenheit, er folgte einem Prediger namens Schlosser, und Johann Friedrich Gruber (ein Philosophieprofessor, Enzyklopädist und Universalgelehrter) wurde zum Herausgeber und Verfasser einer frühen Biographie Sonnenbergs, in der er schreibt:

Zu anderen Zeiten und in anderer Verfassung geboren, hätten sein Name und seine Thaten der Weltgeschichte angehört; vom Schicksal aber in eine heldenarme Zeit und eine Verfassung geworfen, die heute gilt, weil sie gestern hat gegolten, glich sein Erscheinen einem glänzenden Irrstern, der, nur von wenigen bemerkt, schnell vorübergieng (sic!).

Quelle: Johann Friedrich Gruber, Etwas über Franz von Sonnenbergs Leben und Charakter. Halle 1807

Franz von Sonnenberg notierte in der Zurückgezogenheit in Jena  (siehe dazu ebenfalls Taschenbuch f. v. G.):

Muß ich denn ewig den Drang nach That in mir unterdrücken? … Ich fühl’s, nur erst nach Thaten wird Ruhe und Stille in meine Seele kommen…

Über sein Ende – welches Haus? Welches Fenster? Welche Höhe? – habe ich wenig finden können, plastisch beschreibt es Friedrich Jacobs :

Während seines Aufenthaltes in Jena kam er auf den Gedanken, er habe in seinen Werken die Geheimnisse Gottes verrathen. In Verzweiflung hierüber stürzt er sich aus dem Fenster, spießt sich in den Staketen eines kleinen Gärtchens vor dem Hause, und kommt so auf die traurigste Weise um.

Quelle: Friedrich Jacobs, Vermischte Schriften. Sechster Theil, zerstreute Blätter. Dyk’sche Buchhandlung, Leipzig 1837, S. 35

Das Literaturportal Westfalen (Klick!) beschreibt den Tod Sonnenbergs allerdings so:

Nach Eintreffen von Kriegsnachrichten zugunsten Frankreichs nahm er sich 1805 durch Freitod das Leben.

Quelle: http://www.Literaturportal-Westfalen.de Stichwort Schauplatz-ABC, Buchstabe M, Münster

Ich weiß nicht, wer ihn davon hätte abhalten können, wer seinen toten Körper gefunden hat, und ob alles anders ausgegangen wäre, wenn Franz in Münster geblieben wäre – ich habe nur gelesen, dass Franz von Sonnenberg geschätzt worden ist für seine literarischen Werke, er hatte Erfolg, kam an – doch schon wenige Jahre nach seinem Tod gerieten Werke und Person in Vergessenheit. Detlef Fischer schreibt:

Selbst das Grab in Jena war schon einige Jahre nach seinem Tod nicht mehr aufzufinden.

Quelle: Detlef Fischer, Münster von A-Z, Wissenswertes in 1500 Stichworten, 2. Auflage, Aschendorff Verlag, Münster 2004, Sonnenberg, Franz von, S. 319 ff.


Franz von Sonnenberg – Mosaikteilchen seiner Spuren:

Auf den Seiten der Literarischen Kommission des LWL (Klick!) findet sich ein umfangreiches Werke-Verzeichnis, da wird auch ein unveröffentlichtes Reisetagebuch erwähnt, klingt spannend, vielleicht komme ich einmal dazu, das einzusehen!

Seit 1974 gibt es in Berg Fidel einen Sonnenbergweg.

Ein Kupferstich zeigt Sonnenbergs Profilporträt: „Mimigardia“ (1810) von Vagedes – Vagedes war ein Multitalent des besonderen Art: Musiker, Architekt, Maler, Komponist… „Mimigardia“ ist ein Versuch des Taschenbuchherausgeber Friedrich Raßmann, ebenfalls aus Münster, einen Almanach der westfälischen Literatur herauszubringen, geplant hatte er offenbar eine jährliche Auflage. Sonnenberg im MünsterWiki: (Klick!)

Eine kleine Skulptur (mutmaßlich gefertigt vom Bildhauer Albert Mazzotti) befindet sich im Eckhaus am Hansaplatz Nr. 1/Wolbecker Straße – an diesem Haus sind die „bösen“ Täufer zur Wolbecker Straße hin oberhalb der Kopfhöhe an diesem Haus dargestellt, und die „guten Münsteraner“ Franz von Sonnenberg, Amalie von Gallitzin, Annette von Droste-Hülshoff und Albert Lortzing um die Ecke zum Platz hin auf gleicher Höhe.

Portrait Sonnenbergs in Berühmtheiten Münsters in der ULB: (Klick!)

Allerlei „Sonnenbergia“ in der ULB: (Klick!)

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