PPA – zum 125. Geburtstag

PPA hat zwei Weltkriege überlebt, nie die Lebensfreude und den Spaß am Dichten verloren, und er wäre am 28. Juli 2017 125 Jahre alt geworden. Im wahren Leben wurde er nur 73 Jahre alt und am Ende war er leider sehr krank.

Wer war PPA?


!!! EDIT: 29. Juli 2017 !!! Vielen Dank an meine aufmerksamen Leser*innen – in diesem Falle besonders an den freien Journalisten und Autor Dr. Frank Biermann, der mich auf einen Artikel über PPA aufmerksam machte, den er selbst einmal verfasst hatte – sehr interessant und erhellend, Zusammenhänge erwähnend, die ich selbst nicht so deutlich auf dem Schirm hatte (NSDAP…), bitte unbedingt ergänzend lesen: (Klick!) – auf S. 101 geht’s los. !!!

Peter Paul Althaus wurde am 28. Juli 1892 in Münsters Kiepenkerlviertel geboren, in der Bogenstraße 7 wohnte er mit den Eltern ungefähr drei Jahre, dann verlegte der Vater seinen Eisenwaren-Großhandel und auch den Wohnsitz der Familie in die Klemensstraße (damals noch Clemensstraße) Nr. 36 – das Haus wurde in den Bomben des II. Weltkrieges zerstört.

PPA wurde er erst viel später genannt, als er schon in Münchens Stadtteil Schwabing wohnte und es zu einigem Ruhm gebracht hatte. Dazu komme ich noch.

Kissenkötter - 1968

Peter Paul Althaus. Aus: Jobst A. Kissenkötter, Peter Paul Althaus. Ein Schwabinger Dichter aus Westfalen (1968)

Getauft wurde er auf den Namen Paul Carl Althaus in der St. Lambertikirche – Ende des 19. Jahrhunderts wurde gerade der Turm neu gebaut, der war sicherlich bei seiner Taufe noch eingerüstet! Erst später gibt es den Zusatzeintrag „Peter“.

Peter Pauls Schulzeit muss einigermaßen chaotisch verlaufen sein – von der Domschule zum Ratsgymnasium, dann aufs Paulinum, von dort aufs Schillergymnasium, als es dort auch nicht passte, nach Telgte, und schließlich sogar auf eine Lingener Internatsschule im Emsland:

…weil er mehr durch Schalkhaftigkeit und Gewitztheit glänzte als durch schulische Leistungen“,

so Günter Lassalle in: 1200 Jahre Paulinum in Münster (797–1997), Gymnasium Paulinum Münster/Westfalen 1997.

Er sollte dann eigentlich Apotheker werden, meldete sich aber mit 22 Jahren 1914 als Freiwilliger zu Beginn des I. Weltkrieges, und freundete sich mit Jobst Kissenkötter an, der drei Jahre nach dem Tod seines Freundes PPA dieses Buch herausgab:

Jobst A. Kissenkötter, Peter Paul Althaus. Ein Schwabinger Dichter aus Westfalen. Verlag Lechte, Emsdetten 1968.

Als Peter Paul an der Ostfront durch einen Schuss am Knie verletzt wurde, kam er zurück nach Münster ins Lazarett der Clemensschwestern. Kissenkötter beschreibt, dass Peter Paul Althaus seit der Schulzeit fortwährend lyrisch und satirisch dichtete und Fröhlichkeit verbreitete, und auch bei den Schwestern beliebt war.

Seine Gedichte sammelte er selbst aber nicht, und so war er laut Kissenkötter immer wieder einmal erstaunt, wenn er auf Reime angesprochen wurde, an die er sich gar nicht so genau erinnern konnte („Das ist von mir?“), zum Beispiel so etwas:

(Das Ende der Ballade vom hungernden Künstlerpaar)

… sie haben sich ein Hungertuch gekauft

und haben es aufgegessen.

Mit dieser Unbedachtsamkeit

sind sie sehr schlecht beraten –

und übermorgen wollen sie

seinen Adamsapfel braten …

Nach dem I. Weltkrieg gründete Peter Paul mit seinem jüngeren Bruder Josef eine Heeresgut-Sammelstelle, die nicht nur Material sammelte, sondern auch aus dem Krieg zurückkehrende Künstler und Studenten, denen er einen Studienplatz oder eine Stelle beschaffte.

Außerdem studierte Peter Paul Philosophie, Literatur- und Kunstgeschichte und Musikwissenschaft – er spielte auch selber Geige.

Aus den Künstlern, denen er half, wurde nach und nach ein literarischer Kreis, der u.a. einen Verlag schuf: Der weiße Rabe. Und hier erschienen dann in den Goldenen Zwanzigerjahren die polemisch-satirischen Zeitschriften „Das Reagenzglas“ (nicht erhalten) und „Send. Eine Monatsschrift für die spanischen Dörfer“ (zwei Exemplare von 1922 sind in der ULB Münster).

In diesem Kreise oder ihm nahestehend waren viele Menschen aus allerlei Richtung versammelt: der Musiker und Verleger Wilhelm Schlichting ebenso wie der spätere Leiter der Niederdeutschen Bühne Wilm Böckenholt, auch der spätere nationalsozialistische Dichter Karl Wagenfeld und der Journalist und Nazi-Propagandist Friedrich Castelle hatten mit diesem Literarischen Kreis zu tun.

Man traf sich in der Wohnung am Verspoel, wo Peter Paul Althaus mittlerweile lebte, im Verlag (Der weiße Rabe hatte seinen Sitz auf der Südstraße 18), oder bei Carl Müller, der ebenfalls zum Kreis gehörte und uns heute als der singende Bierbrauer Pinkus bekannt ist. Auch nach Gimbte fuhren sie alle zusammen und lebten dort in den Sommerferien wie in einer Künstlerkolonie – Kissenkötter berichtet von einer niederdeutschen Aufführung des Lohengrin in Gimbte.

Peter Paul begann, seine Gedichte öffentlich vorzutragen und begab sich auf Lesereisen.

Im Jahr 1922 fuhr Peter Paul das erste Mal nach München zu einem Verleger – und kehrte ab sofort nicht mehr dauerhaft in seine Heimat Münster zurück. In der Welt des Münchner Faschings und der Kunstszene fühlte er sich sehr wohl. Schwabing wurde ihm zur Wahl-Heimat. Dort wurde er bald nur noch PPA genannt – er war der Inbegriff der Schwabinger Bohème, freundete sich u.a. mit den Mann-Kindern Erika und Klaus an und machte Kabarett-Erfahrungen, gründete einige Ensembles und spielte selbst, sogar bis nach Frankreich und England reiste er nun.

In den 1930er Jahren war PPA für den Deutschlandsender in Berlin tätig – 1941 wurde er auf Betreiben Goebbels entlassen; ein bereits 1928 verfasstes, Albert Einstein gewidmetes Gedicht war schuld – er verfasste selbst Hörspiele und saß am Radio-Mikrofon. 

Während dieser Zeit behielt er stets seine Schwabinger Wohnung, die in einer Höhe von 117 Stufen über den Dächern lag – in der Trautenwolfstraße 8 in der Nähe des Englischen Gartens. Kissenkötter beschreibt diese Wohnung als „Turmgemächer“.

Der Lyrikband „In der Traumstadt“, erschien im Jahr 1951:

„In der Traumstadt ist ein Lächeln stehn geblieben;

niemand weiß, wem es gehört“,

so beginnt das bekannteste Gedicht des Buches.

Bis 1952 war PPA beim Rundfunk, danach schrieb er wieder vornehmlich – „Flower tales – Laßt Blumen sprechen“, „Wir sanften Irren“ sind bekannte Titel.

Seine leiblichen Ahnen aus Westfalen und dem Sauerland verleugnete er nie; und auch die geistigen westfälischen Ahnen sind in seinem Werk unverkennbar: Annette von Droste-Hülshoff, Professor Landois, der Tolle Bomberg…

Sein letzter Besuch in Münster war am 8. November 1954 auf einer Lesereise auf Einladung der VHS.

Kissenkötter-1968

Aus dem Buch Peter Paul Althaus. Ein Schwabinger Dichter aus Westfalen, von Jobst A. Kissenkötter (1968)

In seiner turmähnlichen Wohnung im fernen München wurde er dann krank, musste gepflegt werden – das übernahm seine langjährige Bekannte Greta Berger, eine Malerin. Sie versuchte, PPA das Leben noch so angenehm wie möglich zu machen, sandte sogar nach einem richtig guten Rezept für westfälischen Pfeffer-Potthast nach Münster in die alte Heimat, da er sich das so sehr wünschte.

Überhaupt scheint er am Lebensende viel an seine alte Heimat gedacht zu haben – er hat Briefe auf Tonband eingesprochen, unter anderem an seinen Freund Klaus Siebenkotten:

„Ich bin kein Heimatdichter geworden, ich habe nie die Schönheit der Stadt Münster besungen… Wenn ich jetzt in Münster lebte, würde ich vielleicht doch noch ein Heimatdichter werden…

Mich trieb es in die Ferne. Trotzdem gehe ich oft über die Aabrücke, unter der eine Quellnymphe wohnen muß. Sie ist inzwischen sicherlich alt geworden, so wie ich. Damals, so bildete ich mir ein, flüsterte sie mir meine ersten Gedichte zu…“

Am Ende seines Lebens verfasste er diese Zeilen (erste Fassung):

Herr, erlasse mir das „Ewige Leben“;

ich habe an diesem zeitlichen schon mehr als genug.

Und sollte es eine „Ewige Seligkeit“ geben,

erlaß mir auch diese Menschenbitte im letzten Atemzug.

Ich möchte nur die Ewige Ruhe haben

wie geschossene Hasen und erfrorene Raben.


Mehr zu PPA:

Sein Großneffe Hans Althaus hält das Werk PPAs lebendig: (Klick!) 

Er hat 2014 außerdem ein Werk über PPA herausgegeben, in dem viele Weggefährten u.a. zu Wort kommen:

Hans Althaus, Poesie und Prosa von und über Peter Paul Althaus. Allitera Verlag, München 2014

Leseprobe: (Klick!)

MünsterWiki (Klick!)

Christian Quadflieg spricht 2003 eine CD mit Texten von PPA (Peter Paul Althaus läßt grüßen).

In Münster-Kinderhaus gibt es den nach PPA benannten Althausweg.

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