Zwei Nomen im Nominativ und lauter Skulpturen in Münster

Ein sehr geschätztes Familienmitglied ist fest davon überzeugt, dass da ein Fehler vorliegen müsse: zwei Nomen im Nominativ direkt nebeneinander, das gehe doch nicht, dafür gibt es doch Komposita, und die werden zusammengeschrieben im Deutschen!

Mutters Kaffee – das gehe, dabei handele es sich schließlich um eine Genitivkonstruktion (wessen Kaffee? Mutters). Aber Baum Scheibe, Zeitung Leserin, Skulptur Projekte… niemals! Und überhaupt: Solche Fantasiekonstruktionen seien eine fürchterliche Unterstützung des Einfachst-Deutsches, das weder den Dativ noch den Genitiv und schon gar nicht Kompositaregeln kennt – ja, dieser Einblick in eine typische Diskussion einer europäischen Lehrerfamilie eröffnet ganz neue Sichtweisen auf die:


Skulptur Projekte. In den vergangenen Jahren wurde das auch schon mal klein (skulptur projekte) oder mit Punkt (Skulptur.Projekte) geschrieben – und heutzutage gibt es für alles ja auch gerne einen hashtag (#sp17).

Skulptur Projekte 2017 – dieses Jahr werden die Grenzen erweitert, was man alles so als Skulptur bezeichnen kann; auch Performanzen und digitale Werke sind zu bestaunen, im öffentlichen Raume, städtischen Gebäuden, Clubs, auf dem Smartphone… die Grenzen sind fließend.

Der Kunstbegriff hat sich eh gewandelt im Laufe der Jahrhunderte, die Älteren unter uns werden sich noch erinnern, dass Kunst ursprünglich früher in erster Linie im Museum zu sehen war.

Interessant in dieser total schnellen, sich selbst stets beschleunigenden Zeit ist, dass diese ganz besondere Schau alle zehn (!) Jahre stattfindet, nach wie vor, und eine Verkürzung scheint nicht geplant, wenn man dem Großen Kurator Kasper König richtig zuhört.

Eine Neuerung gibt es 2017: Zeitgleich findet in der Industriestadt Marl (Ruhrgebiet) eine extended version der Skulptur Projekte statt. Fünf Werke sind hier zu sehen, z.B. eine Säule von Thomas Schütte mit Melonen – bei uns in Münster ist die Schütte-Säule von Kirschen gekrönt. 

Info: Skulpturenmuseum Glaskasten Marl und THE HOT WIRE, Kooperation mit Skulptur Projekte Münster 2017 (klick!)

Ma(r)l schauen, ob ich es bis Oktober noch dorthin schaffen werde – in Münster jedenfalls habe ich direkt nach der Eröffnung schon so dies und das gesehen, was wirklich beeindruckend ist.

Mein Blick vom Turme aus übrigens zeigt mit in direkter Nähe die deutlichen grellroten Sprühzeichen (ein Kreis mit dem Kürzel SP) auf dem Trottoir z.B. vor The Elephant Lounge oder vorm Historischen Rathaus.


Vom Turme aus sehe ich auch die Neonschrift am Aegidiimarkt prangen: Angst –  einen Golfspieler und ein Kirchengebäude. Das Werk befindet sich normalerweise am Rathaus in Marl, wegen der Kooperation 2017 hängt es jetzt leihweise in Münster. Der Erschaffer war der 2008 bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommene Künstler Ludger Gerdes.

Angst am Aegidiimarkt – vorne im Bild: das bischöfliche Priesterseminar Borromaeum

Angst am Aegidiimarkt, und wer ist der Mann auf dem Dach?


… Und ich sehe allabendlich Züge aus fernen und nahen Gegenden in den Hauptbahnhof einfahren, zähle manchmal die Waggons zwischen den Häusern links und rechts der Wolbecker Straße. Unser Hauptbahnhof bekommt derzeit ein völlig neues Antlitz mit großen Glasfassaden; der Hamburger Tunnel verbindet den Bremer Platz mit dem Weg in die Innenstadt, er ist immer mit lauter busy busy people bevölkert. Und der Künstler Emeka Ogboh (welcher übrigens auf dem Turm von St. Lamberti war, um Münster auch aus dieser Perspektive zu ergründen) hat diesen brummenden Tunnel genutzt, um eine Soundinstallation zu positionieren.

Info: Emeka Ogboh – Klick!

Sein Kunstwerk heißt „Passage through Moondog“ – Moondog war ein mit 16 Jahren erblindeter Straßenkünstler, der in Braille komponierte, und eigene Perkussion-Instrumente (z.B. die Doppeltrommel Trimba) und eine eine pyramidal-symmetrische, numerologisch-esoterische Kompositions- und Musiktheorie erfand („Overtone Continuum“), lange Zeit an einer Ecke der 54sten Straße / Sixth Avenue in Manhattan stand und vor seinem Tode (1999) nach Münster zog – Ilona Goebel (später Sommer) nahm ihn unter ihre Fittiche (er sagte über sie: „She is my eyes“.). Das Grab der beiden befindet sich auf dem Münsteraner Zentralfriedhof – übrigens auch immer einen Ausflug wert!

Im Tunnel hört man also eine Collage aus perkussiver Musik und Gedichten und anderen Geräuschen – man kann gar nicht immer klar unterscheiden, was aus den Lautsprechern kommt und was natürliche Tunnel-Geräusche sind.

Außerdem hat Emeka Ogboh mit Unterstützung durch Philipp Overberg (Gruthaus Brauerei) das einzigartige Bier „Quiet Storm“ kreiert – während der Fermentation wurde es mit Klängen aus Ogbohs Heimat Lagos (Nigeria) bespielt – es handelt sich um ein „honey ale with lime tree flowers, fermented to Lagos soundscapes, honey collected in the city of Münster“ – wenn das mal nicht super charmant ist!


Gleich zum Beginn der Skulptur Projekte 2017 bin ich losgetrippelt – und zwar übers Wasser: On Water, Ayse Erkmen – zuerst war ich skeptisch, aber wenn man dort ist, das Ganze auf sich wirken lässt, wie Menschen über dieses Eisengitter gehen, das knapp unter der Wasseroberfläche angebracht ist,  und auch selbst hin- und hergeht, zwischen den Seiten des Hafens wandelt – kurz: das ist schon echt klasse!

Danke an Carsten und Hartwig für die charmante Begleitung.


Bei einer Tour de Sculpture mit dem Kollegen Marc spazierten wir an der Skizze für einen Brunnen von Nicole Eisenman vorbei – ein leichter Sommerregen über Wasser, Bronze und Gips:

Prost!

…der WDR filmt…

…eine Schnecke auf der Schulter speit heiße Luft…

…müde Gipsfigur…


Noch eine Kunsttour:

Auf dem Weg vom Aasee – wo schon ziemlich viel Kunst der letzten Jahrzehnte versammelt ist (der Pardo-Pier, The Lost Reflection unter der Torminbrücke, den Kabakov-Sendemast, …) – zum LWL-Museum für Kunst und Kultur (einfach die Aegidiistraße stadteinwärts gehen) steht auf einem Parkplatz rechts gegenüber des Aegidiimarkts auch eine Skulptur, begehbar sogar: die Sculpture des Duos Peles Empire! Von vorne sieht man einen Giebel wie am Prinzipalmarkt, auf der Rückseite ist ein Eingang, innen ist ein langer Block – vielen Dank an meinen Kollegen Marc, das war eine schöne Skulpturen-Tour!

Sculpture - Peles Empire

Gleich regnet’s – schnell in die Sculpture in Sicherheit bringen!

Innen Sculpture - Peles Empire

Inside the Sculpture …


Als nächstes auf meinem Plan der Must-Sees:

Die Performanze „Leaking territories“ der rumänischen Künstlerin Alexandra Pirici im Friedenssaal. Sechs Leute singen und tanzen über das Thema Zeit, es geht auch um unser Verhältnis zur Geschichte – da der Platz naturgemäß begrenzt ist, sollte man möglichst früh bereit stehen oder ggf. in Ruhe in der Schlange warten. Entschleunigung leicht gemacht, schließlich ist Münster wirklich schön anzuschauen, mit oder ohne Skulpturen!


Auch hier ist das Umherschauen beim Warten auf das Kunstwerk vielleicht Teil des Ganzen:

Auf dem Glockenturm der St. Stephanuskirche ist durch den Künstler Cerith Wan Evans ein Element angebracht worden, das die Kirchenglocken eine Spur höher erklingen lässt: „A modified threshold…(for Münster)“.

Wenn man nicht weiß, dass die Glocken immer eine Viertelstunde vor der vollen Stunde erklingen, wartet man gegebenenfalls ein wenig und schaut sich derweil in der Gegend um, in die man ohne diesen äußeren Anlass der Skulptur Projekte vielleicht nie gefahren wäre.


Und von der Eissporthallenkunst habe ich schon so viel Gutes gehört… auch da möchte ich mal schauen: After ALife Ahead von Pierre Huyghe (klick!). Wir Münsteraner*innen haben’s gut: Wir können je nach Lust und Laune und Zeit einfach lostrippeln und die Skulptur Projekte 2017 (bis 1.10.2017!) anschauen, anhören und erleben.


Genau hinhören und hinschauen, Klänge und Visuelles auf sich wirken lassen, Ruhe und Muße zum Sich-ganz-einlassen auf den Moment – und im Idealfall mit anderen Menschen ins Gespräch kommen über das, was man da hört und sieht, das ist für mich eine schöne inspirierende oder auch manchmal verstörende Kunsterfahrung.

Münster, hier ist anscheinend alles möglich – sogar zwei Nomen im Nominativ direkt nebeneinander 😉

Links:
Skulptur Projekte 2017 (Klick!)

Mehr über Münster:
münsterBLOGs (Klick!)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s