Sendhistorie(n)

Es ist wieder Sommersend in Münster! Die Aufbauarbeiten auf dem Schlossplatz – auch des wundervollen Riesenrads – habe ich vom Turm verfolgen können:

Send

Schloss, Dom, Riesenrad!

Was wohl meine Vorgänger vom Turme aus gesehen und empfunden haben, als der Send noch auf dem Domplatz, also viel näher, stattfand?

Ein paar kleine Schlaglichter auf unsere schöne Kirmestradition habe ich zusammengestellt:

Ist es nicht wirklich ein Scandal, daß im Mittelpunkt von Münster, einer civilisirten Stadt, der Hauptstadt Westfalens, Carroussels, Mordgeschichten etc. ihr Standplatz gewährt wird, die durch ihr sinnverwirrendes, betäubendes, zwerchfellerschütterndes, bis zum späten Abend andauerndes Orgel-Spielen, Singen u. Lärmen die umwohnenden Bürger zur Verzweiflung treiben, Kranken eine Geißel sind und endlich solche, die den ganzen Tag angestrengt geistig arbeiten müssen, rasend machen?

Quelle: Leserbrief vom 8. März 1883 im Westfälischen Merkur

Wie würde es diesem armen, lärmempfindlichen Menschen wohl heute ergehen, mit Gitarrenverstärkern (Gitarristen sind IMMER zu laut, Anm. der Verfasserin, ihres Zeichens Bassistin), Soundanlagen und allgegenwärtiger Kaufhaus-/Fahrstuhlmusik etcpp?!


…Orgeley…

In der oftmals nostalgisch verklärten, prä-elektronischen Zeit der Jahrmärkte, schon am Ende des 19. Jahrhunderts, aus dem der obenstehende Text stammt, war es tatsächlich ohrenbetäubend laut – denn die Orgeln waren auf ihrem Verbreitungshöhepunkt angelangt, neben den Dreh-Orgeln auch die Konzertorgeln z.B. aus dem Schwarzwald (Waldkirch ist solch ein berühmt-berüchtigter Orgel-Ort), sie wurden durch Kraftmaschinen angetrieben und imitierten lautstark Blasinstrumente und Schlagwerk.

Nahezu jedes Jahrmarktsgeschäft hatte tatsächlich seine eigene Orgel; Fahr- und Schaugeschäfte, aber auch Schießstände orgelten allesamt wild durcheinander.

Die Orgeln hatten zunächst mehrere Walzen, die man bei seinem Orgelbauer des Vertrauens erneuern und durch die angesagtesten Hits ersetzen lassen konnte.

Dann wurde die sogenannte Notenorgel erfunden, die ihr Repertoire mithilfe von Kartonlochstreifen fabrizierte. Dieses System war preiswerter und konnte vielfältiger und einfacher variiert werden.

Und heute?  Heute stehen wir staunend vor den historischen Orgeln mit barockisierender Fassade (z.B. die Konzertorgel von Fritz Heitmann, gebaut 1904 in Waldkirch von der Firma Ruth und Sohn) und denken: wow, welch wundersames Wunderwerk aus ferner Zeit!

Heitmann-Orgel

Orgel der Schaustellerbetriebe Heitmann:                                                                                                                     http://www.heitmann-schaustellerbetrieb.de/?Orgel:Fotos_der_Orgel


Ich persönlich mag am liebsten das Riesenrad. Mit einem Karussel zu fahren, erscheint mir die größere Hürde… obwohl die meisten Kinder ja das Karusselfahren lieben – so heißt es auch in einem anonymen Augenzeugenbericht aus dem Jahr 1833:

… Hinter der einen der Budenketten finden sich in christlicher Demuth und bescheidener Ergebung Holzwaaren jeder Art auf dem Boden ausgelegt …Aber hinter der anderen Budenreihe ist’s minder still und ruhig. Dort kreiset von Morgen bis Abend, fleißig heimgesucht von der kleinen Welt, ein Caroussel …

Quelle: Taschenbuch für Vaterländische Geschichte – siehe Digitalisat der ULB Münster (klick!)


…Die Schwestern Jenny und Annette von Droste-Hülshoff auf dem Send…

Ob Jenny und Annette auch Karussel gefahren sind, ist nicht bekannt, wohl aber, was sie beim Herbstsend gekauft haben:

1804, 24. Oktober… Nette hat sich ein Bügeleisen und zwei Näpfchen … ich aber habe mir ein Paar Handschuhe, ein Kofferchen und ein Nadeldöschen gekauft. Auch hat Mama Nette ein Paar lila, mir aber ein Paar braune Schuhe gekauft.

(Quelle: Tagebuch der Jenny von Droste-Hülshoff, in: R. Weber, Westfälisches Volkstum in Leben und Werk der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Münster 1966, S. 48)


…Tempelreinigung…

Bis 1852 gab es sogar im Kreuzgang des Domes während des Sends Verkaufsbuden!

Im Frühjahr des selben Jahres aber sprach Bischof Johann Georg Müller ein Machtwort: Die Stille des Gotteshauses dürfe nicht länger durch die Sendbeschicker gestört werden.

Zwar brachte die Bereitstellung des Kreuzganges dem Domkapitel auch einiges Geld ein und die Sendleute hatten bereits im Voraus bezahlt – aber der Bischof argumentierte mit der Vertreibung aus dem Tempel, mit Jesus Christus also, der laut Matth. 21 die Tempelräume in Jerusalem von den Kaufleuten und Geldwechslern befreit haben soll, auf dass die angemessene Ehrfurcht und heilige Stille im Gotteshaus wieder einkehre, obwohl auch dort die Tempelkasse nicht eben wenig an diesen weltlichen Geschäften verdient hatte…


…Veränderungen und Entwicklungen…

Während des Zweiten Weltkrieges gab es keinen Send, aber sogenannte Verkaufsmärkte auf dem Schlossplatz (vormals Hindenburgplatz, davor Neuplatz genannt), damit die Schausteller trotzdem eine Einnahmequelle hatten. Dabei wurden mit Planen bespannte Buden und einfache Stände mit Sonnenschirmen aufgebaut. Nach 1943 aber fielen auch über Münster die zerstörerischen Bomben, und auch die Verkaufsmärkte wurden abgesagt.

1947, zwei Jahre nach Kriegsende, fand der „Lunapark“ auf dem Servatiiplatz statt, eine Send-ähnliche Veranstaltung. Der erste richtige Send der Nachkriegszeit fand in etwas kleinerer Ausgabe dann im Herbst 1948 wieder auf dem Domplatz statt.

Ab 1951 ist der Schlossplatz (Hindenburgplatz/Neuplatz) der angestammte Ort für den Send, und es änderte sich in den 50er Jahren auch grundlegend der Charakter der Veranstaltung – gab es hier zuvor vor allem Bedarfsgüter (wie man es auch im Tagebuch der Jenny von Droste-Hülshoff nachvollziehen kann: Lebensmittel, Haushaltswaren, Bekleidung, Spielwaren, Pflanzen, Möbel…), so kam mit dem Entstehen der großen Kaufhäuser stärker der Vergnügungssektor auf dem Send zum Tragen.


Fotos aus den 50er Jahren seht ihr z.B. bei Henning Stoffers (klick!)


Seit 1578 kündet das Sendschwert am Rathaus die Marktgerechtigkeit während des Sends – am 24. Oktober 2000 wurde es geklaut, es ist seitdem nie wieder aufgetaucht (eine Reproduktion des Schwertarms zeigt heute die Sendzeit an)…


… im Stadtmuseum Münster gab es 1986 eine Ausstellung namens „Münster-Send, Synode – Markt – Volksfest“, der gleichnamige Katalog bietet eine wunderbare Übersicht über die Geschichte mitsamt Bildern und sehr interessanten, teils lustigen Anzeigen („Beste! Beste! Beste! Ramsch! Ramsch! Den geehrten Damen von Münster diene hiermit zur Nachricht, daß ich mit einem großen Posten Stoffe in Stücken und Resten hier bin…Sanders, Ramsch-Bazar aus Hamburg.“)…


 

Send online: Klick!

Ich freue mich am meisten auf das Riesenrad! Wir sehen uns dort!

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3 Gedanken zu “Sendhistorie(n)

  1. Tja, der Send ist laut und lustig. Mich begeistert, drüber zu schlendern und die Menschen zu beobachten. Dabei vergesse ich sogar, in ein Karussel zu gehen oder etwas zu essen! 😉

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