Turmstubenbücher Juni 2017

Liebe Leser*innen dieser Zeilen „direkt vom turm gebloggt“,

am Anfang jedes Monats entscheide ich mich für 2 oder mehr Bücher, die in allgemeinem oder spezifischem Bezug zu Türmen, zu Türmer(inne)n und/oder zu Münster stehen. Mein Ziel ist es, diese Werke innerhalb des laufenden Monats genau zu studieren und wieder ein bisschen schlauer zu werden.

An der Auswahl lasse ich euch, liebe Leser*innen, jeweils teilhaben, ich stelle die Werke kurz vor und berichte über das Warum der Auswahl und ggf. über meine Erwartungen.

So handelt es sich nicht um klassische Rezensionen, sondern eher um Prä-Literaturtipps; eben bevor sich ein abschließendes Bild der Lektüre ergeben hat.

Aus den sehr netten Rückmeldungen schließe ich, dass es immer den Einen oder die Andere dazu inspiriert, sich ebenfalls die vorgestellten Bücher zu kaufen, in die Bücherei zu gehen, oder mit mir schriftlich über die gelesenen Inhalte zu diskutieren. Außerdem sind oft richtig gute weiterführende andere Tipps für mich unter euren Zuschriften – danke dafür!

Im Monat Juni des Jahres 2017 steht in Münster ein Thema total im Fokus:

Die SKULPTUR PROJEKTE MÜNSTER 2017,
kurz #SPM17 !

Zwei niegelnagelneue Bücher mit SPM17-Content stehen seit dem 1.6.2017 in den Turmstubenregalen – und mit beiden verbindet mich eine ganz persönliche Geschichte:


1.) Anke Tiggemann: Architekturführer Münster Münsterland. Bauten und Projekte seit 2006. Herausgegeben vom BDA Münster-Münsterland. DOM publishers, Berlin 2017

2.) Berthold Socha: Fotografien. 1977 – 1987 – 1997 – 2007 SKULPTUR PROJEKTE MÜNSTER. tdv Thiekötter, Münster 2017


Zum neuen Architekturführer:

Alle paar Jahre beschäftigt sich ein Team mit den Bauten und Projekten der vergangenen Jahre – künftig: zehn Jahre, SPM-Turnus – und jedes Mal ist es erstaunlich, wie sich die Stadt Münster verändert und doch im Kern beständig bleibt.

„Der internationale Ruhm von Münster wiederum ist unbedingt auch mit den Skulptur Projekten zu verbinden.“

(Aus dem Vorwort, Vorstand des BDA Münster-Münsterland)

14 Seiten befassen sich auch explizit mit dieser Ausnahme-Veranstaltung, Daniel Friedt beschreibt das „Verhältnis der Stadt als historisch gewachsene und durch soziale Erfahrungen vernetzte Landschaft, die mit aktueller Kunst bereichert wird oder auch kollidieren kann“.

… Alles begann mit einer lebhaften Kontroverse um drei rotierende Quadrate

Die gleichnamige Skulptur von George Rickey wollte die Stadt Münster bereits 1974 ankaufen – aber dieses Vorhaben scheiterte aufgrund einer allgemeinen Empörung über die Kosten und das „ungegenständliche Äußere des Kunstwerks“. Offensichtlich war man noch nicht so weit, moderne Kunst zu akzeptieren und zu goutieren…

To make a long story short: Die Westdeutsche Landesbank investierte in die „Drei rotierenden Quadrate“ – und schenkte das Kunstwerk der Stadt Münster! So kommt man zu was…

Es steht seitdem auf einer Grünfläche an der Engelenschanze.

Architekturführer 2017

Architekturführer 2017

Doch was folgte, waren kreative Auseinandersetzungen seitens der Bevölkerung – jemand bastelte eine eigene Version der „Drei rotierenden Quadrate“, stellte sie daneben und viele Menschen behaupteten sinngemäß, das könne doch jedes Kindergartenkind… Das kennen wir ja bis heute: Ist das Kunst oder kann das weg? heißt es, und man denkt z.B. an Joseph Beuys‘ Fettecke, welche von einer sehr gründlichen Reinigungsfachfrau weggeschrubbt worden ist…

Doch zurück nach Münster:

„Während der ersten Skulptur Projekte 1977 realisierte der schwedische Künstler Claes Oldenburg auf der Parkfläche nördlich des Seeufers die Giant Pool Balls, drei aus Stahlbeton bestehende Kugeln von annähernd 3,5 Meter Durchmesser.“

Was wäre unser Aasee ohne die Kugeln… Übrigens waren vom Künstler ursprünglich viele weitere Kugeln im Stadtbild geplant – dazu sagt Berthold Socha, der Fotograf und Herausgeber des anderen Turmstubenbuchs (siehe unten), wie gut, dass nur am Aasee diese Kugeln stehen, jede weitere, egal wo, wäre eine Schwächung der starken Präsenz, schließlich sind die Aasee-Kugeln heute so etwas wie ein Wahrzeichen Münsters – weithin bekannt!

Und mein ganz subjektiver Bezug zum Architektur-Buch:

Der wunderbare neue Architekturführer beinhaltet auch das Quartier, in dem ich seit 3 Jahren glücklich lebe (2006 erbaut)!

Und: Ich hatte das große Vergnügen, einen kleinen persönlichen Einblick in meine Sicht auf Münster vom Turme von St. Lamberti aus zu geben, zeigte eine Auswahl an Fotos rund um den Turm, und am Ende sang ich zur Gitarre „Türmers Nachtgesang“ (Text: Georg Thurmair, Melodie: Heinrich Neuß, 1938) – und zwar auf der offiziellen Festveranstaltung und Vorstellung des Buches am 1.6.2017 im Theatercafé! Begeistert war ich auch von Burkhard Spinnens persönlichem Bericht; der Münsteraner Schriftsteller sprach über die Veränderung rund um den Domplatz, die er selbst in den letzten 40 Jahren erlebt und beobachtet hat.

Mein Eindruck: Ein toller Band, viele Fotos, jedes Bauwerk ist mit QR-Codes versehen, Pläne und Artikel runden das Ganze ab – ich werde noch viel darin blättern und daraus lernen!


Zum Fotografie-Katalog:

Im Stadtmuseum befindet sich im Erdgeschoss jetzt passend zu den Skulptur Projekten (welche am 10.6.2017 eröffnet werden!) eine Fotografie-Ausstellung zum Thema – ebenjene Schwarz-Weiß-Fotos des Fotografen Berthold Socha.

Ich finde: Absolut sehenswert! Bis 24.9. (parallel zum Ende der Skulptur Projekte) habt ihr Gelegenheit, verschiedene Eindrücke aus den vergangenen Skulptur Projekten anzuschauen, insgesamt 80 ausgewählte Fotografien.

Der begleitende Katalog zeigt darüber hinaus weitere Fotos der Jahre 1977, 1987, 1997 und 2007 – alle vom Fotografen persönlich zusammengestellt und herausgegeben – und einen Teil „Zwischen den Jahren“ mit Fotos z.B. der berühmten Giant Pool Balls; immer mal wieder mit anderen Tags besprüht oder auch frisch gestrichen.

Giant Pool Leeze

Meine Interpretation:
Giant Pool Leeze (by m.ART.je)

In einer Führung durch die Ausstellung durch Berthold Socha selbst lernen wir einen sehr genauen Beobachter der Stadt Münster kennen; seine Fotos sind wie kleine Kompositionen, eine Mischung aus Zufall der Kunstwerke / Menschen drumherum und dem geschulten Blick des Fotografen, der uns erklärt: In Betrachtung versunkene oder vorbeigehende Menschen sind situationsbedingt zufällig, aber beispielsweise bildet er ein weißes Exponat ganz bewusst vor dunklem Hintergrund und umgekehrt ab. Oder beim Betrachten der Skulptur von Richard Serra, die 1987 vor dem Erbdrostenhof stand („Trunk, J. Conrad Schlaun Recomposed„), fielen ihm die korrespondierenden gerundeten Eingangstore links und rechts davon auf, und so komponiert er sein Foto immer nach einem ganz bestimmten Blickwinkel.

Interessant werden Fotos für Berthold Socha erst, wenn sie keine reinen Dokumentationen sind, sondern zum lebendigen Bild mit Tiefe werden, beispielsweise durch einen hineinragenden Ast, Menschen im Hintergrund oder spielende Kinder (auch sein eigener Sohn ist ein paar Mal im Laufe der Jahrzehnte abgelichtet, zeigt er uns im Katalog).

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis:

Berthold Socha ist nicht mit offiziellem Auftrag als nüchterner Dokumentar der Skulptur Projekte mit dem Fotoapparat losgezogen, sondern aus höchsteigenem privaten Interesse.

Er sagt uns: Dass seine Fotos einmal im Stadtmuseum ausgestellt werden würden, hätte er sich nicht träumen lassen. In erster Linie habe er für sich selbst fotografiert.

Er beschreibt anschaulich das Phänomen der lange in einer Kiste unterm Bett vergrabenen alten Fotos aus längst vergangenen Tagen mit Portraits, die man damals nicht besonders mochte; wenn man diese irgendwann wiederentdeckt, ist man oft froh über diese Erinnerung an damals – diese Frisur, dieses Kleid, ach ja, so sah ich einmal aus…

Wenn wir uns nun erinnern, an 1977 (da gab’s mich noch gar nicht), 1987 (da wusste ich noch nicht, dass es Münster gibt), 1997 (da lernte ich in der Schule etwas über den Westfälischen Frieden), 2007 (da studierte ich Geschichte), dann kommen viele Erinnerungen wieder an die Oberfläche beim Betrachten der Fotos – dieses Gebäude im Hintergrund stand damals noch, vor dieser Skulptur bekam ich den ersten Kuss, ach ja, so sah es damals in Münster aus…

Und so sind Berthold Sochas Fotos – ursprünglich für sich selbst gedacht – heute wahre Schätze und Münster-Dokumentationen.

Warum Schwarz-Weiß? – Weil man ganz anders, länger und intensiver, auf diese Aufnahmen schaut als auf allgegenwärtige Farbfotos, sagt Socha.

Jedes Foto ist ein Unikat – mit klugem Blick komponiert, mit der Leica geschossen, mit den eigenen Händen in der Dunkelkammer entwickelt.

Eine völlig andere Verfahrensweise als die heute überall präsente digitale Smartphone-Fotografie, die für sich natürlich auch große Kunst sein kann (das beweist in Münster z.B. Michael Kestin, Klick!).

Der augenscheinlichste Unterschied liegt für Berthold Socha in der Tatsache, dass man bei einem richtigen Film in der Kamera naturgemäß nur begrenzten „Platz“ für Fotos habe und daher ganz genau überlegen und abwägen müsse, ob und wann man abdrücken solle, während die digitale Fotografie sorglos zur „digitalen Abtreibung per Klick“ verführe, so Socha bei seiner Führung. Es ist einfach eine ganz andere Welt.

Ich freue mich schon darauf, diesem visuellen Stadtschreiber in der Stadt irgendwo wieder zu begegnen, mit seiner Leica unterm Arm, vor dem Bauch oder vorm Gesicht!

Berthold Socha

Berthold Socha gibt Autogramme @ Stadtmuseum Münster 2017

 

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