Zu Gast in Heidelberg – ein Best Of

Schon wieder auf Reisen? Ja, im Öffentlichen Dienst hat man das Luxusproblem „wohin bloß im Erholungsurlaub“! Solange die Türmerin in fernen Ländern aufregende Abenteuer erlebt, ist die Stadt Münster nicht unbewacht: Durch die Jahrhunderte hinweg hat sich das System der Vertretungstürmer bewährt. Seid also gewiss, liebe Bürger*innen, einer oder eine wacht immer über euch und euer Wohl, pflegt die Tradition und tutet!

Diesmal also auf nach Baden-Württemberg, ich hatte nämlich die Gelegenheit, im Gefolge eines tollen Theaterensembles unseres „Grünflächenunterhaltung-Planungsmarschalls“ (Thomas Nufer) mitzureisen, und diese Gelegenheit wurde prompt genutzt, um Türme und Aussichtspunkte und ihre Geschichte(n) aufzusuchen. Der Münsteraner Meimel ist natürlich meistens dabei, wie die Bilder beweisen…   


Heidelberg. Stadt der Romantik.

Die Kolleg*innen des Stadtmarketings erreicht man hier: Heidelberg Marketing (Klick!).

Schon bevor klar war, dass ich in ferne Länder fahren würde, lernte ich via Facebook Daniel kennen, der lange Zeit in Münster gewohnt und gearbeitet hatte, nun mit Familie in Heidelberg wohnt und sich sehr gut vorstellen kann, wieder zurückzukommen – damit wäre er ein typischer Vertreter der Gattung „Bumerang-Münsteraner“. Gerade war er auf Foto-Safari (super super Fotos!) in der alten Heimat Münster unterwegs, wir plauschten kurz am Fuße des Lamberti-Turmes und verabredeten, uns in Heidelberg wiederzutreffen.

In der Heidelberger Altstadt gibt’s erstmal sehr leckeren Crèpe mit Schokocrème (Westfälische Kartoffelsuppe zu bestellen erscheint uns dann doch zu seltsam…) in einem Café am Marktplatz am Fuße der Heiliggeistkirche – und was erspäht ein Turm-Nerd wie ich dort: Ein Foto des Eiffelturmes!  Das schöne Rathaus mit Standesamt ist auch in unmittelbarer Nähe, geheiratet wird aber heute nicht. Auch Heidelberg hatte seinen „Käfig“: Bis 1740 stand am Rathausbrunnen der sogenannte Triller, ein drehbarer Käfig, in den Delinquenten gesperrt und lächerlich gemacht worden sind… Studenten, die sich grob daneben benommen hatten, wurden in den „Karzer“ gesperrt – sehenswert sind die Selbstbildnisse und Graffiti (Augustinergasse). Studentenkneipen gibt’s natürlich auch, was in Münster „Bullenkopp“ heißt, nennt sich in Heidelberg „Zum Roten Ochsen“ 😉
An das Mitteltor erinnert nur noch eine Infotafel – genau wie beim Münsteraner Michaelistor, was auch nicht mehr steht, kann man sich doch gut vorstellen, wie es einst gewesen sein muss (Name und Geschichte „unseres“ Michaelisplatzes samt Tore siehe z.B. MünsterWiki – Klick!)… Wir streifen noch ein wenig durch die Stadt, entdecken das Geburtshaus des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert und das ehemalige Wohnhaus des Komponisten Robert Schumann…

Als ich nach der Tour mit dem Ensemble dann auch flugs wieder Kontakt zu Daniel aufnehme – Netzwerken ist alles! – bekommen der Projektleiter und ich eine fundierte, wunderschöne kleine Stadtführung, natürlich sofort hinauf auf die Heiliggeistkirche! Fast wären wir sogar noch höher als zur Aussichtsebene gekommen, wenn nicht der Küster aus Sicherheitsgründen abgesagt hätte – das Geländer und Gebälk seien zu marode, schade! Vielleicht beim nächsten Mal?
Bauherr des dritten Kirchbaus an gleicher Stelle war ab 1400 Kurfürst Ruprecht III., der auch als deutscher König Ruprecht I. in die Geschichte einging.

Interessante Fakten: 
An der Außenmauer der Kirche erkennt man mehrere eingemeißelte Brezel-Symbole. Sie erinnern heute noch daran, dass hier früher Bäcker ihre Waren anboten. Diese in den Sandstein eingemeißelten Brezeln sollten dem Größenvergleich mit den tatsächlich verkauften Brezeln dienen.

Durch eine Trennmauer war die Kirche von 1706 bis 1936 gleichzeitig Kirche für zwei Konfessionen, also sowohl für die evangelische als auch für die katholische! Zwei Mal wurde die Scheidemauer abgebaut und wieder aufgebaut – aber das führt an dieser Stelle zu weit…

Die Heiliggeistkirche beherbergte einmal eine große Bibliothek (die berühmte pfälzische Bibliothek, Biblioteca Palatina, die Heiliggeistkirche wurde nämlich von Kurfürst Ludwig III. zum Kernelement der Universität bestimmt) – und so sieht sie innen auch aus, mit ihren ungleichen Emporen. Außerdem steht eine überdimensionale Luther-Playmobil-Figur vorne herum – da steht er, er kann nicht anders – denn Heiliggeist ist heute die evangelische Hauptkirche in Heidelbergs Altstadt.

Ganz oben – nach 204 Stufen – ist eine Türmerin naturgemäß sehr glücklich, man blickt über ein unfassbares Häusermeer – dicht an dicht an dicht, und da hier im 2. Weltkrieg so gut wie nichts zerstört worden ist, sind viele Häuser auch richtig alt, eine mittelalterliche Stadt im Barockgewand. Schönstes altes Haus am Platz: Hotel zum Ritter. Außerdem blickt man vom Turme auf den Neckar samt Schleuse und Hauptfotomotiv: Die Alte Brücke (Carl-Theodor-Brücke). In einem der beiden Brückentor-Türme befindet sich eine kleine Wohnung für den Brückenwächter, den es heute aber nicht mehr gibt.
Auf den Bergen ringsumher gab es darüberhinaus Wächter, die ähnlich dem Turmwächter in Münster vor Gefahren gewarnt hatten.

Und als wir am nächsten Tage noch ein zweites Mal auf den Heiliggeistturm steigen, spreche ich mit der Ticket-, Postkarten-, Infobroschüren…-Verkäuferin, stelle mich und mein Spezialinteresse vor, und sie erzählt, eine Bekannte von ihr (leider schon verstorben) habe einen Vater gehabt, der Türmer oben auf der Heiliggeistkirche gewesen ist! Er habe abends die Uhrzeit angezeigt (ich hoffe auf mehr Infos und übergebe ihr mein Visitenkärtchen). Klasse! Sollte in Heidelberg jemals wieder an die alte Tradition angeknüpft werden, stelle ich mich gerne als Austausch-Türmerin zur Verfügung (vorausgesetzt Münster bekommt dann ebenfalls eine*n schmucke*n Austausch-Türmer*in aus Heidelberg!)…

Heute sind Wanderfalken auf dem Turm ansässig, seit vielen Jahren brüten sie dort erfolgreich – der moderne Wanderfalke 2.0 hat sich von Big Brother inspirieren lassen: Falken-Cam (Klick!).

Vom Heiligenberg fehlt an diesem Tag die Spitze – sie ist im Nebel verschwunden, der schwer über den Bergen hängt. Unser Gästeführer Daniel erzählt vom Schlangenpfad, der dort hinauf führt, und von der Nazi-Hinterlassenschaft der Thing-Stätte, Sachen gibt’s …! Auf dem Philosophenweg ein Stückchen entfernt erschließt sich einem sehr organisch, was die Stadt zur Stadt der Romantik macht – auch unser immer wieder auftauchender Goethe nannte Heidelberg eine ideal gelegene Stadt, Hölderlin sprach gar von Liebe. Pfälzer Wald, Odenwald – vom Turme aus kann man alles sehen, worüber man bis dato nur gelesen hat!

2016-11-15-heidelberg_heiliggeist_heiligenberg

Auf der anderen Seite erhebt sich massiv der Königstuhl (568m) mit dem Schloss… und dahin führt ein Fußweg – aber spannend ist es auch, mit der Bergbahn nach oben zu zuckeln – wann hat eine Flachlandtreckernase wie ich schon mal so eine Gelegenheit! Eine Station der Bergbahn heißt übrigens „Molkenkur“ – eine Parallele zur Münsteraner Ziegenbaron-Geschichte bietet sich hier an: In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es hier eine Molkenkuranstalt mit 50 Ziegen, deren Molke (Nebenprodukt bei der Käseherstellung) damals hier wie dort gegen „Blutarmut“ eingesetzt worden ist!

Oben angekommen blickt man hinunter in das Tal, in dem die Stadt liegt, auf die Heiliggeistkirche, die von hier oben sehr klein wirkt, und wiederum auf den Neckar, an den sich das lange Heidelberg schmiegt.

Diese Schlossruine hat viele Fans – Victor Hugo hat über sie geschrieben (Ruinenromantik 1840, klick!), auch Mark Twain lobte ihre Ästhetik (Bummel durch Europa, A Tramp Abroad 1878, klick!), als Bildmotiv ist sie ein Evergreen spätestens seit dem 18. Jahrhundert. Wie ergreifend ist es, dann selbst in dieser bekannten Kulisse zu stehen und sich umzuschauen – wow! Seltsame Funde gibt es auch: Auf einem Mauerrest liegen ein paar Teebeutel, Geschmacksrichtung Bratapfel. Ein Picknicküberbleibsel oder Kunst? Dieselbe Frage stellt sich bei den vielen Pappbechern, die zielgenau auf den Vorsprüngen im Gemäuer liegen… Nachts ist die Anlage übrigens geschlossen, nur zu gerne würde ich mich hier einmal einschließen lassen und durchs Gemäuer spuken!

Da der Zeitplan unserer Reisegruppe relativ eng ist und wir noch weiter müssen, beschließen wir, mit mehr Muße wiederzukommen, um auch in die weiteren zugänglichen Gebäudeteile hinein zu gehen – und im Sommer muss der riesige Garten besonders schön sein, das größte Holz-Fass der Welt liegt auch noch irgendwo herum, ich freue mich schon sehr auf den nächsten Heidelberg-Besuch, Daniel – I’ll be back! 

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7 Gedanken zu “Zu Gast in Heidelberg – ein Best Of

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