Annette’s Sturmglocke

Gerade finden auf Burg Hülshoff, dem Geburtsort unserer größten Dichterin, die Droste-Tage statt. Das nehme ich zum Anlass, ein bisschen zu berichten aus ihrem Leben. Mehr zu den Veranstaltungen: Droste-Tage (Klick!).

Als Türmerin von Münster auf St. Lamberti interessierte mich eine Frage im Zusammenhang mit der elterlichen Burg von Annette von Droste Hülshoff ganz besonders: Wer hat eigentlich die Sturmglocke im Dachreiter der Burg Hülshoff gegossen? Weil wahrscheinlich der selbe Gießer auch eine der Glocken auf St. Lamberti gegossen hat, so hatte ich es irgendwo gehört…

Ein Anruf bei der Stiftung führte dann zu der Antwort:
Heinrich (Henricus) Caesem war’s!
1612 fertigte er im Feldguss die Glocke für die Burg Hülshoff an. Ich verweise auf meinen Artikel über die Große Katharinenglocke – die ebenfalls von Caesem gegossen worden ist (1619).

Doch zurück zu unserer „Nette“  (Annette von Droste-Hülshoff), die ja 1612  noch gar nicht auf der Welt war… erst 1797 ward die poetische Naturbegabung in der St. Pantaleonkirche in Roxel auf den Namen Anna Elisabeth getauft. Und diese weiteren Namen standen auf ihrer Geburtsurkunde: Franzisca Adolphina Wilhelmina Ludovica (vielen Dank an dieser Stelle an Herrn H.-P. Johannsen, Heimat- und Kulturkreis Roxel e.V.!).

Zeichnung: Martje Saljé

Zeichnung: Martje Saljé, 2015

Ihre Vorfahren waren über viele Generationen in der Verwaltung von Stiften und Gütern und auch militärisch tätig, daher der Name Droste, der zum Adelsnamen der Familie wurde. Droste kommt von „Truchsess“, das bezeichnete einen Beamten, der für einen definierten Verwaltungsbezirk in militärischer, jurisdiktioneller und polizeilicher Beziehung die Stelle des Landesherrn vertrat.

Annettes Vater züchtete Orchideen, spielte Geige und forschte in seiner Freizeit z.B. über einheimische Vogelarten. Er ließ seine Kinder durch Hauslehrer unterrichten, Annette spielte Klavier, Orgel, Spinett, komponierte und schrieb. Vielleicht lernte die junge Annette als Kind auch noch die Fürstin Amalie von Gallitzin kennen, die 1806 verstarb, einige Intellektuelle aus deren Kreis waren jedenfalls Gäste auf Burg Hülshoff, wo musiziert, gelesen und diskutiert worden ist. Zu einer Einordnung der Zeit gehört auch die wechselvolle Herrschaft durch Preußen, Franzosen und dann wieder Preußen; was auf der Burg aber eventuell gar nicht so eine spürbare Rolle gespielt hatte, jedenfalls bis auf die Einquartierungen durch die Befreiungstruppen um 1813/14.

Auf der Burg zog sich Annette gern in ein Turmzimmer bei der Sturmglocke zurück, hing ihren Gedanken nach, komponierte und dichtete. Dieses Bild habe ich vor allem vor Augen, wenn ich an diese großartige münsterländischen Dichterin denke, ein junges Mädchen mit Block und Stift, der Glocke lauschend, wenn ein Unwetter aufzog. Inspiration pur!

Ein Selbstbildnis von Annette aus dieser Zeit findet sich unter dem Namen Fräulein Sophie in den SkizzenBei uns zu Lande auf dem Land„:

Fräulein Sophie gleicht ihrem Bruder aufs Haar, ist aber mit ihren achtzehn Jahren bedeutend ausgebildeter und könnte interessant sein, wenn sie den Entschluß dazu faßte. -Ob ich sie hübsch nenne? Sie ist es zwanzig Mal im Tage und ebensooft wieder fast das Gegenteil, ihre schlanke, immer etwas gebückte Gestalt gleicht einer überschossenen Pflanze, die im Winde schwankt; ihre nicht regelmäßigen, aber scharf geschnittenen Züge haben allerdings etwas höchst Adeliges (…); einen eigenen Reiz und gelegentlichen Nichtreiz gibt ihr die Art ihres Teints, der, für gewöhnlich bleich bis zur Entfärbung ihrer Lippen, ganz vergessen macht, daß man ein Mädchen vor sich hat (…)

Heute wissen wir, was damals noch nicht bekannt war: Ihre großen vorgewölbten und stark kurzsichtigen Augen, ihre nervliche Angespanntheit und die Umstände ihres Todes sprechen neben weiteren Indizien für eine Schilddrüsenerkrankung.

Zur Erholung verbrachte sie einige Zeit bei Brakel im Paderborner Land bei Verwandten, um durch die kräftige Waldluft selbst wieder zu Kräften zu kommen. Dort kam es zu schicksalhaften Begegnungen mit zwei jungen Verehrern (namens Arnswaldt und Straube), die sich leider gegen sie verbündeten und  sie dadurch nachhaltig verstörten. Auf jenem Hof müssen auch die märchensammelnden Brüder Grimm hin und wieder gewesen sein, und Annettes Schwester Jenny arbeitete selbst an der Sammlung mit. Annette selber sammelte (wie übrigens auch die Fürstin Gallitzin) sogenannte Gemmen, das sind geschnittene Schmucksteine, für die sich auch bereits Goethe begeistern konnte. Eine ebenfalls Goethe verbundene Frau wurde dann auch Annettes Freundin: Adele Schopenhauer, Schwester des Philosophen Arthur.  Die beiden lernten sich kennen, während Annette in Köln und Bonn weilte (um 1825).  Kurze Zeit später verstarb ganz plötzlich ihr Vater (1826), und die Mutter zog mit den beiden Töchtern auf den vorgesehenen Witwensitz, Haus Rüschhaus. Diese neue Heimat wurde zu ihrer Dichterklause, hier erlebte sie mit allen Sinnen die umgebende Natur, sie lebte ziemlich weltabgewandt, und hier begann die Entstehung des unergründlich tiefgreifenden Werkes „Die Judenbuche“, welches später ihren Durchbruch bedeuten sollte.

Nur um ihre Schwester zu besuchen, die inzwischen geheiratet hatte und in der Schweiz lebte, verließ sie ihr „Schneckenhäuschen“, und auch ins Paderborner Land fuhr sie noch einmal, um ihre emotionale unglückliche Vergangenheit dort zu überwinden. Sie schrieb und dichtete immer weiter, vielleicht auch, um ihrer kritischen Verwandtschaft zu beweisen, dass ihre Gedichte etwas wert waren und ernstgenommen wurden, auch wenn der kommerzielle Erfolg zunächst gering ausfiel.

Dann lernte sie ungefähr im Alter von 43 Levin Schücking kennen. Sie trafen sich in Haus Rüschhaus und durch seine konstruktive Kritik und Mitarbeit wurde sie immer besser und selbstsicherer. Altersmäßig stand sie ihm mütterlich gegenüber (sie war 17 Jahre älter), doch war er erfahrener im Literaturwesen.

Ihre Schwester zog an den Bodensee auf die Meersburg, Schücking wurde dort als Bibliothekar beschäftigt, und Annette verbrachte sehr glückliche Tage dort, wie sie selbst schrieb. Diese endeten irgendwann, Schücking ging fort, heiratete, Annette blieb dann wieder in Haus Rüschhaus – zu ihrer Mutter Therese von Haxthausen, die sie um 5 Jahre überleben sollte, hatte sie leider nie eine innige Beziehung gehabt – und als 1846 ihre Nervenschwäche stärker wurde, konnte sie nicht mehr ohne Unterstützung und Hilfe bleiben und ging zu ihrem Bruder, der die Burg Hülshoff bewirtschaftete. Doch konnte man ihr dort auf längere Sicht auch nicht helfen, und so ging sie zurück auf die Meersburg, wo sie noch ihr Testament verfasste und dann 1848 starb. Die Unruhen der Revolution haben sie auch noch sehr geängstigt. Zuletzt musste sie immer wieder Blut spucken. Erst nach ihrem Tode wurde die Welt sich bewusst, welch großartige Dichterin Annette von Droste-Hülshoff gewesen ist.

Heute wird sie die bedeutendste Dichterin des 19. Jahrhunderts genannt. Ihre Büste, schön gefertigt von Anton Rüller, steht an der Promenade am sogenannten Liebeshügel – doch das ist eine andere Geschichte, die zu einer anderen Zeit erzählt werden wird…

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