Turmstubenbücher August 2016

Geschichte und Geschichten, in Buchform oben auf dem Turm. In diesem Monat: Ein Wundergeiger und Komponist mit Münster-Background, und eine der friedfertigsten Glaubenrichtungen dieser Welt im Bestreben, sich deutlich von den Münsteraner Täufern abzugrenzen…

1.) Martin Blindow: Andreas Romberg (1767-1821). Quellen zu seiner Biografie. Florian Noetzel Verlag, Wilhelmshaven 2015

2.) Hans-Jürgen Goertz: Das schwierige Erbe der Mennoniten. Aufsätze und Reden. Im Auftrag des Mennonitischen Geschichtsvereins. Herausgegeben von Marion Kobelt-Groch und Christoph Wiebe. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2002

Andreas Romberg

Andreas Romberg, Foto: wikipedia.org

Der Komponist und Geigenvirtuose Andreas Romberg wurde 1767 in Vechta geboren und wuchs u.a. in Münster auf, wo er zu einer sehr bewunderten, überregional wichtigen musikalischen Größe wurde. Mit seinem etwa gleichaltrigen Cousin Bernhard (Cellist) tourte Andreas durch ganz Europa. Der Autor Prof. Dr. phil. a. D. Martin Blindow ist Kirchenmusiker und renommierter Musikforscher – von ihm stammt auch die wunderbare Monografie über die Familie Romberg (allesamt Musiker*innen). Im Vorwort des Werkes über Andreas Romberg wird darauf hingewiesen, dass dies (fast) die erste Veröffentlichung speziell über ihn seit 78 Jahren sei. Ich erhoffe mir von der Lektüre Erkenntnisse auch über die soziokulturellen Lebensumstände des damals so berühmten Musikers, um mir die Gegebenheiten im 18. / 19. Jahrhundert besser vorstellen zu können. Der Name der Musikerfamilie Romberg hat sich in Münster ja in besonderer Weise verewigt. Bis heute kann man  im Innenhof des Hochfoyers des Stadttheaters  die steinernen Zeugen aus Münsters Theatergeschichte bewundern: nämlich die Ruinen des Romberger Hofes; am 30. November 1895 wurde in den umgebauten Pferdeställen des Adelspalasts der Familie Romberg das „Lortzing-Theater“ eröffnet und als neue Spielstätte in Münster präsentiert. Albert Lortzing ist zwischen 1826 und 1833 ein sehr prominenter Schauspieler und Sänger in Münster gewesen – hier sieht man ihn an einem denkmalgeschützten Wohn- und Geschäftshaus am Hansaplatz 1 verewigt:

Albert Lortzing am Hansaplatz

Albert Lortzing am Hansaplatz 1


Das vorliegende sehr schwere und reich bebilderte und bequellte Buch ist mit einem Preis von 154 Euro nichts für den schmalen Geldbeutel einer Türmerin, deshalb danke ich Frau T. von Kaunitz für das freundliche Ausleihen des Werkes!


Vorgeschichte zum zweiten Buch: Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, mit einem echten Mennoniten aus Pennsylvania, USA, zu sprechen. Mr. J. Sharp war mit einer Gruppe interessierter Menschen nach Münster gereist – seit den 70er Jahren war er schon oft hier, immer auf den Spuren der Täuferzeit, die hier auch oft und fälschlich „Wiedertäuferherrschaft“ genannt wird. Wir sind uns einig, dass die vielen Spuren und Memorabilia der „Wieder-“Täufer in ganz Münster von skurril bis seriös sehr bemerkenswert sind, angesichts der kurzen „Herrschaft“ von 16 Monaten im weit entfernten 16. Jahrhundert. Hier noch einmal das oben erwähnte Haus am Hansaplatz 1: alle drei Täufer, deren sterbliche Überreste in den Körben von St. Lamberti exponiert ausgestellt worden sind, sind hier ebenfalls verewigt:

Jan van Leyden Figur am Hansaplatz 1

Jan van Leiden, Hansaplatz 1, Münster

Nun aber zu dem Buch „Das schwierige Erbe der Mennoniten“. Das hatte ich mir aus Eigeninteresse angeschaut und gekauft (gefunden im Antiquriat Jos Fritz auf der Aegidiistraße), und es erwies sich als sehr gute Vorbereitung für das unverhoffte Treffen mit Mr. Sharp – und Münster kommt natürlich vor:

„(…) Nach außen hin erschien Münster als das Schreckgespenst täuferischer Herrschaft durch Terror. Im Grunde aber war es der Versuch, eine kommunale, apokalyptische Herrschaft unter den verschärften Bedingungen militärischer Belagerung, die bald eingesetzt hatte, zu errichten. (…) Die Bewegung zerfiel in verschiedene Gruppen: in militante, spiritualistische und pazifistische (…)“ (S. 24f.)

Ich werde jetzt noch tiefer darin stöbern und erhoffe mir Erkenntnisse, womit heutige Mennoniten (nach Menno Simons) im Blick auf ihre eigene Geschichte zu kämpfen haben. Erstaunlich war übrigens auch der Moment, als Mr. Sharp auf meine Frage, ob er deutsch spreche, in wundersam antiquiertem, aber verständlichem Pfälzisch antwortete: „Ick schwätz Deitsch!“ – in Pennsylvania reden nämlich einige noch so wie ihre Vorfahren, die im 17. Jahrhundert aus Süddeutschland nach Amerika auswanderten, die meisten von ihnen Mennoniten und Amish: „Pennsylvania Dutch“, wobei auch hier wieder voneinander völlig unterschiedliche Mundarten und Dialekte berücksichtigt werden müssten, nur nicht mehr jetzt und an dieser Stelle.

Jetzt vertiefe ich mich erstmal wieder in die Geschichte… bis zum nächsten Tuuuut!

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