Zu Gast auf St. Ludgeri

St. Ludgeri – dem Heiligen Ludger (auch Liudger, Liutger) geweiht, dem ersten Bischof und damit Begründer der Stadt Monasterium, heute Münster – eine einzigartige schöne Kirche mit zwei Westtürmen und einem charakteristischen Vierungsturm, auf dem oben den Nächtens ein warmes Licht brennt – das tolle Beitragsbild ist von Johannes Giebeler, Münster, und das folgende ist ein gezoomter Smartphone-Schnappschuss aus der Türmerstube hinaus :

St. Ludgeri

Ludgerikirche – Blick von der Türmerstube auf St. Lamberti

Am 12. September 2015 wurde dann der folgende Tag des Offenen Denkmals eingeläutet: Der Arbeitskreis Glockenprojekt im Westfälischen Heimatbund (in persona Herr Franz-Josef Menkers) und der Glockensachverständige des Bistums Michael Gerding führten eine angemeldete Gruppe Interessierter hinauf in den Glockenstuhl der Ludgerikirche, welche übrigens zum Pfarrbezirk von St. Lamberti gehört.

Der Aufstieg ist wahrlich abenteuerlich – er beginnt harmlos mit Steinstufen, wie wir sie von St. Lamberti bereits kennen, Wendeltreppencharakteristik, wobei die einzelnen Stufen spürbar (für die Knie) höher sind:

Steinstufen

Steinstufen, Ludgerikirche

Steinstufen

Steinstufen, Ludgerikirche

Und dann muss man die richtige Abbiegung zum Vierungsturm finden, sonst landet man bei den Westtürmen:

Tür Ludgerikirche

Tür: Schiffdach Westtürme, Ludgerikirche

Zwischendurch ein Blick durch ein Dachfenster auf dem Übergang zum Vierungsturm:

Dachfenster

unteres Dachfenster im Übergang, Ludgerikirche

Weiter geht es auf Holztreppen, die so steil sind, dass man sich bereits Gedanken macht, wie man bloß jemals wieder heile den Abstieg schaffen soll… doch zunächst erst einmal hinauf:

Holztreppe

Holztreppen, Ludgerikirche

Der Weg führt durch das spätromanische Geschoss, in dem bis zum 15. Jahrhundert die Glocken untergebracht waren, bis dann ein spätgotisches Geschoss hinzugefügt wurde mit neuem Glockenstuhl.

Läute-Rohr

Durch dieses Rohr wurde früher ein Seil zum Läuten der Glocken geführt

Altarraum

Blick in den Altarraum

Blick hinaus

Blick aus dem Glockenstuhl

Interessant ist auch, dass die Ludgerikirche während des verheerenden Stadtbrandes 1383 starke Schäden nahm (aus dieser Katastrophe stammt die erste, heute noch greifbare Erwähnung der Türmer von Münster!); die Holzkonstruktion im Inneren brannte aus, die Glocken stürzten hinab, rissen Kuppeln und Gebälk mit sich und wurden völlig zerstört.
Im Glockenstuhl angekommen, sind mehrere Dinge bemerkenswert: Keinerlei Taubendreck weit und breit – der Draht vor den Luken hält alles draußen; der Boden ist mit Dielen ausgelegt, die teils große Zwischenräume aufweisen und sich biegen – definitiv nichts für vom Höhenschwindel geplagte Menschen!; das Geläut besteht aus 4 Glocken – die älteste stammt aus dem Jahr 1464, die übrigen von Wolter Westerhues, dem Schüler des großen Gerhard van Wou aus dem Jahr 1507, alle haben außer den Umschriften noch weitere Reste von Ölfarbenbeschriftungen. Die Übersetzungen der lateinischen Inschriften auf den Westerhues’schen Glocken sind klasse:

Marienglocke: „Ich heiße Maria, ich rufe den Klerus und das Volk Christi zusammen. Ich erschrecke die Wilden. Mit lautem Brüllen wehre ich die Dämonen ab. Im Jahre des Herrn 1507“

Ludgerusglocke: „Ich heiße Ludgerus. Mit meinem Klang versammle ich fromme Herzen. Ich breche die Kraft des Donners, Trauerfälle verkünde ich. Wolter Westerhues machte mich im Jahre des Herrn 1507“

Katharinenglocke: „Zum Heiligtum versammle ich die Frommen. Mit klingendem Erz vertreibe ich die Dämonen. Im Jahre des Herrn 1507“

Dieser Kirche kann mit all dieser geballten Kraft der Glocken ja gar nichts mehr passieren – und richtig: Sie haben Glück gehabt und auch das „Lowlight“ der münsterschen Stadtgeschichte unbeschadet überstanden: Die „Wieder-„Täufer-Zeit 1534/35.

ganz oben

ganz oben ist noch eine kleine Öffnung – da oben leuchtet des Nächtens das warme Licht!

Johannesglocke

Älteste Glocke: Johannesglocke von 1464

über den Glocken

oberhalb des Glockenstuhls im Maßwerkgeschoss, wohin diese letzte Treppe führt, leuchtet es so hübsch in der Nacht

Der mühselige Aufstieg hat sich gelohnt – es ist beeindruckend, die Geschichte der Glocken nicht nur zu hören, sondern ihren Weg ganz nach oben auch selbst nachzuvollziehen. Am Schluss haben wir die Glocken dann noch manuell klingen lassen – und wir sind tatsächlich alle wieder heile nach unten gekommen, bei steilen Treppen empfiehlt es sich wirklich, rückwärts zu steigen! (Wenn ich mich vor Aufregung nicht verzählt habe, sind es 102 Stufen von der Sakristei bis zum Glockenstuhl…)

Türmerin Martje Saljé und Glockenbeauftragter Michael Gerding im GLockenstuhl der Ludgerikirche. Foto: Rainer Schmitz

Türmerin Martje Saljé und Glockenbeauftragter Michael Gerding im Glockenstuhl der Ludgerikirche. Foto: Rainer Schmitz

Wer sich für weitere Details interessiert (Schlagtöne mit Obertönen, Baugeschichte der Kirche…) kann sich z.B. vertrauensvoll an mich wenden und ich empfehle weiterhin: Besucht selbst einmal die Ludgerikirche,  fahrt ins Glockenmuseum nach Gescher, hört genau hin, wenn die Glocken klingen, sie haben die Macht, Dämonen fernzuhalten und Donner zu bannen! 🙂

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