Ode an die Feuerwehr

„Türmer*innen sind die sicht- und vor Allem hörbare Vertretung der Stadtoberen, die sogar des Nächtens noch pflichtbewusst und verlässlich für das Wohl der Bürger*innen Sorge tragen“ –

so lautet eine überlieferte Beschreibung aus Münster, Westfalen.

Türmer haben bekannterweise seit dem Mittelalter die Pflicht der Brand- und Gefahrenwacht, sie sollen gegebenenfalls frühzeitig warnen; „durch den Ruf „FEURIO!“, das Schlagen der Rats- und BRANDglocke und das Blasen des Alarmsignals.

Aber dann! Was passiert eigentlich dann? Wer löscht die Brände? Wie? Womit?

Ein kurzer Abriss, im „historischen Präsens“ geschrieben:

Im 14. Jahrhundert, als münstersche Türmer erstmals schriftlich erwähnt sind, gibt es noch keine organisierte Feuerwehr in dem Sinne, wie wir sie heute kennen.

In den Verfassungen der entstehenden und wachsenden Städte ist die Verpflichtung der Einwohner zur aktiven Beteiligung am Brandschutz fest verankert. Die Innungen und Zünfte sind ebenfalls verpflichtet, im Notfall aktiv bei der Brandbekämpfung zu helfen.

Feuerlöschverordnungen im 14. Jahrhundert regeln das zeitweilige Verbot von unbeaufsichtigtem, offenem Feuer, was durch die Nachtwächter kontrolliert wird, und die Haushalte müssen je einen vollen Eimer Wasser bereithalten zum Löschen.

Es entstehen nach und nach Wasserschöpfstellen und Löschteiche, erst im 17. Jahrhundert wird der Lederschlauch erfunden. Später nutzt man Hanfschläuche mit Gummieinlage, dazu kommen Druckspritzen-Erfindungen, und die Technik schreitet weiter voran.

Aus den losen, selbst verantwortlichen Bürgerwehren entstehen die Freiwilligen Feuerwehren – in Münster sind es im Jahre 1903 über 300 engagierte Mitglieder.

Weil dann die Bevölkerungszahl von Münster sich um die Jahrhundertwende rapide vergrößert hat (durch die Eingemeindung der verschiedenen äußeren Stadtteile), beruft der zuständige Dezernent der Stadt für das Feuerlöschwesen, Stadtbaurat Richard Tormin 1905 die erste sogenannte stehende Feuerwehr (Tormin, geb. am 23. Januar 1872, gest. am 8. Mai 1933, veranlasst 1926 den ersten Teilabschnitt der später so genannten Tormin-Brücke über den Aasee).

Diese allererste Berufsfeuerwehr der Stadt besteht aus einem Techniker und acht Handwerkern. Sie bekommen einen 1-Zylinder-Opel mit Leiter und zwei Motorräder zur Verfügung und leisten eine 36-Stunden-Schicht mit anschließender 12stündiger Pause; 4 Mann sind in ständiger Bereitschaft.

Diese neue Investition soll sich bereits nach 7 Monaten Amtszeit auszahlen: In der Weihnachtsnacht 1905 bläst der Türmer auf St. Lamberti (wahrscheinlich Joseph Sirleke genannt Buschkötter, ein Gastwirt im Nebenberuf) zuerst das normale Mitternachts-Signal. Aber dann…

Aus der Stadtchronik:

„…als 40 Minuten nach dem zwölfmaligen Blasen der Türmer von St. Lamberti erneut zu seinem Horn griff und unentwegt Brandalarm in alle vier Winde blies, um die Feuerwehr zu rufen und die Nachbarn aus dem Schlaf zu wecken. Seine rote Brandlaterne am Turm wies nach Nordwesten. (…) Unentwegt tutete der Türmer aus Leibeskräften nach Brandhilfe mit dem Erfolg, dass trotz der Weihnachtsnacht verhältnismäßig schnell die Spritzen der ersten und der zweiten Kompanie der freiwilligen Feuerwehr heranrasselten. Ihnen folgte das neue Feuerwehrautomobil der Berufsfeuerwehr. (…) Schon nach einer halben Stunde war die Macht des Brandes gebrochen und der Drubbel vor dem ‚warmen Abbruch‘ bewahrt.“

Türmer als Auge der Feuerwehr – eine gute und sinnvolle Zusammenarbeit, heute wie damals!

Nach dem 1. Weltkrieg wird die 24-Stunden-Schicht eingeführt, die bis heute in Modifikation gilt (24 Stunden Dienst, 24 Stunden Erholungszeit).

Um die Dramatik und die damit verbundene Einsatzbandbreite zu verdeutlichen, die der 2. Weltkrieg für die Mitglieder der Feuerwehr mit sich bringt:

  • Im Dezember 1940 hat Münster noch 144.945 Einwohner*innen.
    Im April 1945 sind es nur noch 23.500 Menschen.
  • Rund 700.000 Bomben zerstören nahezu den gesamten Innenstadtbereich.
  • Mehr dazu kann man z.B. im Stadtmuseum erfahren.

So viel Not und Elend, und die Feuerwehr mittendrin, sowohl als Opfer (auch die Gebäude der Feuerwehr werden zerstört und viele Mitglieder kommen ums Leben) als auch als Not- und Wiederaufbauhelfer.

Um heute Feuerwehrmitarbeiter*in zu werden, muss man eine Ausbildung durchlaufen, die vielseitiger nicht hätte erfunden werden können…

Ein kleiner Einblick in das Spektrum der Lehrgänge lässt die Komplexität der Anforderungen erahnen:

-Grundausbildungslehrgang (Truppmannausbildung)
-Grundlehrgang für Atemschutzgeräteträger*innen
-Grundlehrgang Erste Hilfe
-Grundlehrgang für Sprechfunker*innen
-Grundlehrgang für Technische Hilfeleistung
-Lehrgang ‚Einheiten im ABC-Einsatz‘
-Truppführerlehrgang
-Lehrgang ‚Maschinist*in für Löschfahrzeuge‘
-Lehrgang ‚Maschinist*in für Drehleitern‘
-Lehrgang ‚Maschinist*in für Feuerwehrkranwagen‘
-Grundschulung für den Einsatz von Motorkettensägen
-Grundschulung in der Absturzsicherung
-Multiplikatorenlehrgang für Ausbilder*innen in der Absturzsicherung
-Grundschulungen zum Erwerb der Fahrerlaubnis Klasse C

Zusätzlich werden Übungen durchgeführt, beispielsweise zum Szenario „Nachteinsatz: Rettung einer Person von einem einem Turm“.

Am 18. Juni 2015 waren die Brandanwärter*innen auf St. Lamberti bei der Nachteinsatzübung – es ist schwierig, aber nicht unmöglich, die Türmerin im Notfall auch durch das Turminnere mit einer faltbaren Trage zu retten!

Respekt und Achtung allen gegenüber, die sich angesichts der umfassenden Aufgabengebiete dieser fundierten Ausbildung verpflichten und couragiert und engagiert den schweren Weg dem leichten vorziehen.

Danke, dass es euch gibt!

Eure Türmerin – Glückauf, ich freue mich auf eine allzeit gute Zusammenarbeit!

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