Erst der Blick, dann der Schritt über die eigene Hecke…

Ein Freund von mir prägte den schönen bildstarken Begriff der „Heckenkultur“. Viele Menschen, auch durchaus kultur- und gesellschaftsinteressierte Exemplare, haben oft lediglich einen eingeschränkten Blickwinkel – und selbst ewig lang in Münster wohnende Menschen kennen manchmal gar nicht andere, ebenfalls ewig lang in Münster wohnende Menschen, die verblüffenderweise auf ganz ähnlichen Gebieten tätig sind… Da bedarf es ab und an eines Turmes, von dem aus der Blick über den eigenen Heckenrand leichter fällt und der idealerweise die verschiedenen/ähnlichen Heckenkulturen miteinander in Kontakt bringt!

Ich fasse in diesem Artikel verschiedene (längst nicht alle) Blicke der letzten Zeit über den Heckenrand zusammen und habe auch in einigen Punkten sogar mehr als einen Blick gewagt, nämlich einen Schritt…

1. Keine Berührungsängste beim Thema „Niederdeutsche Mundart“:

Ich gebe zu, die Bedenken waren da; ein wenig gewöhnter als an andere Mundarten bin ich an das Bremer und das Oldenburger Platt, ob das wohl als „Vorbildung“ reicht, um einen Theaterabend der Niederdeutschen Bühne erfolgreich zu verstehen?

Aber wenn man schon mal die Chance hat, den großen Hannes Demming und sein starkes Team live und in Farbe zu erleben – nix wie hinne da! Molières „Eingebildeter Kranker“ wird hier zum klasse westfälischen Sturkopp in „Malatt in’n Kopp of de Hypochonder“.

Symbolisches Highlight: Der grüne Vorhang des Krankenzimmers – Mimi glaubt dem Hypochonder kein Wort über seine diversen Krankheiten und will ihn aus der Düsternis herausholen, reißt immer wieder den grünen Vorhang zur Seite; und der eingebildete Kranke zieht ihn jedes Mal wieder zu… im Elend ist es doch so vertraut gemütlich…
Absolut sehenswert, und verstehen kann man alles – wenn auch nicht Wort für Wort, so doch allemal im Zusammenhang des Geschehens, und die Lektüre aus der Schulzeit (auch wenn’s lang her ist) hilft vielleicht auch, also einfach mal rein und gucken, was passiert!

Das ist auch Brauchtums- und Traditionspflege – und erweitert ungemein den Hecken-Horizont 😉

2. Bürger*innen im Ehrenamt:

Wer sind eigentlich die unzähligen Rädchen, die die Stadt und die Gesellschaft neben den bekannten, sichtbaren Institutionen mit am Laufen halten?

Die Begriffe Alltagshelden und Münsterbeweger beschreiben griffig die Taten und die Wirkung vieler Ehrenamtlicher – die Stiftung Bürger für Münster unterstützt und fördert das bürgerschaftliche Engagement und informiert in drei Matineen mit vielen stellvertretenden Menschen, was man machen kann und wie und wo. Eine steht noch am 8. März bevor: Info-Link.

Wer seine positive Energie beitragen möchte, dem werden mit „1000 Stunden für Münster“ 25 Ideen an die Hand gegeben. Glück auf!

3. Wer neben einer Kirche wohnt…:

…der ärgert sich vielleicht manchmal über den Klang, der einen weckt, wenn man es nicht wollte… doch ich verspreche an dieser Stelle, dass es sich lohnt, einmal genau zu lauschen, dem Klang der Glocken nachzuspüren, die Schallwellen körperlich wahrzunehmen, die gesamte psycho-physische Wirkungsfülle auf sich wirken zu lassen – und zu forschen: warum klingen die Glocken gerade jetzt? Was ist ihre Botschaft? Ist es der Stundenschlag oder der „Engel des Herrn“ (Angelus), oder gar ein Hochfest? Sind es mehrere Glocken? Klingt eine höher als die andere? In welchem Abstand? Was erfährt man über den Seligen oder Heiligen, der den Glocken ihren Namen gab? Kann man den Glockenstuhl vielleicht einmal besichtigen? Wetterläuten, also das Bannen von Unwettern durch das laute Glockenläuten – existiert das eigentlich heute noch?

Sobald man beginnt, sich näher mit dem Glockenklang zu beschäftigen, hinter die Kulissen zu blicken (über den Heckenrand!), beginnt eine persönliche Beziehung zu den eben noch fremden Glocken. Jede Glocke hat ihre eigene Geschichte. Zahlreiche Mythen und Legenden berichten von Glocken, die von Geisterhand zu läuten beginnen oder vom Grunde eine Teiches erklingen… Und überhaupt die Entstehung einer Glocke – man könnte ganze (Blog-)Romane mit Glockengeschichten füllen… oder aber den Schritt vom reinen Hinter-seiner-Hecke-genervt-Sein zum Sich-informieren-und über-die-Hecke-steigen vollziehen. Das geht momentan noch bis 15. März 2015 z.B. bei der Sonderausstellung „Heavy Metal“ in der DASA Arbeitsweltausstellung in Dortmund. Und natürlich im Westfälischen Glockenmuseum direkt vor Münsters Toren in Gescher.

Aus naheliegenden Gründen muss ich einen Punkt besonders empfehlen:

Eine Turmbesteigung der Stadtkirche St. Reinoldi zu Dortmund ist eine wundervolle Erfahrung! Wer das im Rahmen der DASA Ausstellung oder samstags zwischen 12:00 und 15:00 Uhr mitsamt einer Führung (z.B. durch den einzigartigen Uwe Schrader) macht und dann oben unterhalb der charakteristischen Zwiebel steht, wird Dortmund mit völlig anderen Blicken sehen (Industriecharme meets Heckengrün – auf den Spuren des bedeutsamen mittelalterlichen Tremonia). An den 6 Glocken von St. Reinoldi kommt der interessierte Mensch auf der Turmführung auch vorbei.

Das Beitragsbild zeigt übrigens den Altar von St. Reinoldi – fotografiert mit dem Mobiltelefon aus dem Dachgewölbe heraus.

 Fazit: Bleibt neugierig! Hört mit dem Herzen hin! Der Ort, an dem ihr lebt, hat eine Geschichte! Schaut über eure Hecke!

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