Kleine Frühgeschichte münsterscher Stadtansichten

Kleine Frühgeschichte münsterscher Stadtansichten

Der münsterische Stadtkern hat nach den katastrophalen Schäden durch die Bomben im II. Weltkrieg eine weitere Wandlung durchgemacht, und dabei hat sich das Baugefüge so stark verändert wie nie zuvor. Das für mich als zugezogene und lange nach dem Krieg geborene Einwohnerin Münsters besonders Bemerkenswerte daran: Das innere Stadtgebiet macht den Eindruck eines wahrlich historisch gewachsenen Gefüges!

Sicherlich liegt dies an der Einstellung der Menschen, die den Wiederaufbau geplant und durchgeführt haben. Die Entscheidung, ein Verfahren zu wählen, das konservativ ausgerichtet ist, und die alten „Wegmarken“ wie Kirchen, das Rathaus, Adels- und Bürgerhäuser aufwändig zu restaurieren, zahlt sich heute aus.

Bürger*innen und Gäste der Stadt empfinden die Bauten als stimmig und ästhetisch – und seit der Zeit des Wiederaufbaus gibt es neben den auf historischen Vorbildern beruhenden Gebäuden ja auch zahlreiche sehr moderne, welche teilweise mit Gegensätzen, teilweise mit Aufnahme altbekannter Elemente (z.B. Sandstein) spielen, und die sich damit ebenfalls ins Stadtbild einfügen und es zu dem machen, was gemeinhin als attraktiv gilt.

Möglich war und ist das Bezugnehmen auf Stile, wie sie im Stadtbild vor der Kriegszerstörung zu sehen waren, durch Bilddokumente, Fotografien, Ansichten und Pläne. Sehr viel zu verdanken hat die Stadt z.B. auch Prof. Dr. Max Geisberg, der eine erstaunliche Fülle von Darstellungen gesammelt und selbst angefertigt hat. Längst verschwundene Bauzustände wurden durch sein Werk anhand von Skizzen, Grafiken und Gemälden wieder sichtbar, ein wahrer Schatz für die moderne Topografieforschung.

Dass beim Wiederaufbau nach dem II. Weltkrieg leider aber (wie in den meisten westlichen großen Städten) auch hier und dort einiges von der Vorkriegsstruktur zerstört worden ist, wird anschaulich und deutlich in den Fotos des Buches „Das unbekannte Münster“ (Begleitband zu einer vergangenen Sonderausstellung im Stadtmuseum). Die erhaltenen Reste der Margarethenkapelle sind so ein Beispiel; sie wurden 1907 zunächst restauriert und „als Ausstellungsraum in den Neubau des Westfälischen Provinzialmuseums (heute LWL-Museum für Kunst und Kultur) integriert“, dann jedoch „für den Neubau des Museums in den 1960er Jahren abgerissen“ (siehe S. 18 in „Das unbekannte Münster“).

Gerade bei Gemälden ist nun ein weiterer Aspekt interessant: Hier wird deutlich, wie Künstler die Stadt wahrgenommen und bestimmte Gebäude gesehen haben.

Historischer Fakt ist, dass es zwar schon im Mittelalter Stadtansichten als Gemälde gegeben hat, jedoch eher als „Nebeneffekt“, denn zentrales Anliegen war die Darstellung christlicher Heilsgeschichten und nicht die Stadt als solche. Dennoch tauchen hier und da immer wieder wirklichkeitsgetreue Abbildungen auf, ein Beispiel:

Auf der Mitteltafel des um 1450 bemalten Amelsbürener Altares (im Besitz des LWL-Museums für Kunst und Kultur) ist die Kreuzigungsszene dargestellt, im Hintergrund die (fantasierte) Stadt Jerusalem – aber mitten drin steht unverkennbar der charakteristische Vierungsturm der Ludgerikirche zu Münster!

St. Ludgeri in "Jerusalem".

St. Ludgeri in „Jerusalem“, Ausschnitt aus dem Amelsbürener Altar – Quelle: Bernhard Korzus: „Münster . Alte Ansichten aus fünf Jahrhunderten“, F. Coppenrath Verlag, Münster 1977

Johann Koerbecke (gestorben 1491) hat diese Altarmalerei angefertigt, als sein Hauptwerk gilt der Hochaltar für das Kloster Marienfeld – er lebte und wirkte in Münster, also sind Darstellungen von bekannten Gebäuden seiner Heimat einleuchtend.

Im Normalfall wird eine Stadt auf mittelalterlichen Siegeln, Münzen und sonstigen Bildansichten lediglich durch eine einfache Formel dargestellt: Mauer, Tor, Turm, Kirche.

Bis in die frühe Neuzeit war es nicht wichtig, die wirklichkeitsgetreue Architektur einer Stadt wiederzugeben.

Erst als Geographie und Kartographie im Zuge der Entdeckungsfahrten immer fortschrittlicher und gefragter wurden (etwa ab der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts), wurden auch die Darstellungen immer genauer und zutreffender, wenn auch der typisierende Charakter ersteinmal blieb.

Die älteste erhaltene Darstellung der Stadt Münster stammt von Remigius Hogenberg (siehe Beitragsbild):

1570 fertigte er einen Kupferstich nach dem leider nicht erhaltenen Gemälde des Renaissance-Künstlers Hermann tom Ring an, der gleichsam ein bedeutender Architekt und Kartograph gewesen ist. Kritisch bemerken kann man bei dieser architektonisch weitgehend genauen Darstellung höchstens, dass es keinen realen Punkt gibt, von dem aus man alle diese Details und Gebäude wirklich so nebeneinander wahrnehmen konnte, wie sie auf dem Kupferstich auftauchen. Allerdings ist das ursprüngliche Gemälde tom Rings wohl eine aufwändige Collage von vielen Einzelskizzen, die er zuvor angefertigt haben wird. Beeindruckend ist dies allemal, auch, weil der hier gewählte Betrachtungspunkt (die Westseite der Stadt) bis weit ins 18. Jahrhundert hinein in nahezu allen folgenden Abbildungen als verbindlich blieb.

Jetzt auf ins Museum, alte Gemälde auf prominente Merkmale eurer und Ihrer Stadt checken! Diese Detektivarbeit macht Spaß und ist ein prima Zeitvertreib für winterliche nasskalte Tage 🙂

Links:

Stadtmuseum Münster

LWL-Museum für Kunst und Kultur

Überblick: Museen in Münster

 

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