Die Welt – vom Turme aus gesehen

Die Welt und ihr Gefüge sehen dieser Tage recht durcheinander aus. Die Nachrichten von Kriegen, Not und Elend erreichen auch die eigenen, kleinen, heilen Welten. Vom Turme aus betrachtet gewinnt man eine andere Perspektive, Gedanken und Ideen kommen auf, die es dort unten inmitten der Geschehnisse wohl so nicht geben würde. Dieses besondere Gefühl beschreibt Georg Thurmair 1938 recht treffend in seinen Versen „Türmers Nachtgesang„, die so beginnen:

Ich hab die Welt verlassen und stehe auf dem Turm,
ich kann die Sterne fassen und sprechen mit dem Sturm.
Ich banne die Gespenster und lebe fern dem Spott,
der Wind pocht an mein Fenster und spricht vom lieben Gott. (…)

(Nicht nur) vom Turme aus gesehen sind auch die Geschehnisse, Ereignisse, Aktionen und Reaktionen in Münster immer wieder recht bemerkenswert:

Am 30.1.2015 stehen zwei Veranstaltungen an prominenter Stelle:

1. Die Demonstration „Bunt statt Braun“

und

2. Das Kramermahl.

Diese Dinge haben nicht nur gemeinsam, dass u. a.  Oberbürgermeister Lewe erst hier, dann dort mit seiner Präsenz ein Zeichen setzt, sondern noch mehr Assoziatives fällt einem aus Turmperspektive auf:

In dieser Stadt sind Toleranz, Frieden und Freiheit nicht bloß Schlagwörter, sondern gelebtes Motto. Münster ist sich der Historie (Westfälischer Friede!) sehr bewusst, und nutzt die Lehren aus der Vergangenheit trefflich für die aktive Gestaltung der Zukunft in der jeweiligen Gegenwart. Das Kramermahl – ein feierliches Mahl, das an die Gilden der Kaufleute erinnert – ist ein solches deutliches Signal der Verbindung alter Werte mit modernen Initiativen. Es hat seinen Ursprung in der Gründung des Vereins der Kaufmannschaft und der Errichtung des Krameramtshauses 1589 – in ebenjenem Hause residierten die niederländischen Gesandten während der Verhandlungen, die schließlich zur Unabhängigkeit der Niederlande führen sollten.

Weiterhin sei daran erinnert, dass auf engagiertes Betreiben der Kaufmannschaft nach dem 2. Weltkrieg z.B. der Prinzipalmarkt auf historischer Basis wieder aufgebaut worden ist – heute mit den Giebelhäusern DAS Wahrzeichen Münsters schlechthin. Die Kaufmannschaft setzt sich in unzähligen Bereichen auch heute für ihre Stadt ein und die o.g. Werte wie Toleranz, Frieden und Freiheit schwingen auch im Motto „Ehr ist Dwang gnog“ (Ehre ist Zwang genug) immer mit, wenn es um Weiterentwicklung und Attraktivitätssteigerung geht.

War der lange Weg zum Westfälischen Frieden ein Weg des Dialogs, so ist dieser Weg auch unserer Tage von großer Bedeutung. Es gilt, sich der Vergangenheit bewusst zu sein und sich nicht dem Dialog zu verweigern, sondern auch offen zu sein für die Veränderungen dieser turbulenten Zeit – damals wie heute sind Menschen auf der Flucht, benötigen Schutz und Hilfe, damals wie heute haben Menschen Zukunftsängste und rationale wie irrationale Sorgen, Geschichte scheint sich hie und da zu wiederholen; und an genau dieser Stelle ist es wichtig, Signale zu setzen gegen bloße rückwärtsgewandte und kurzsichtige Phrasendrescherei,  und sich im Großen wie im Kleinen, auf der Straße wie im Privaten, klar zu machen, wie gut es doch eigentlich ist, dass hierzulande in jüngster Vergangenheit eine Demokratie entstanden ist, in der Meinungsäußerungs-, Presse- und im Karneval außerdem Narrenfreiheit 😉 erlaubt und sogar erwünscht sind – womit wir wieder bei der Demonstrationsfreiheit und „Bunt statt Braun“ wären. Diese Demo hat sich Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Vielfalt auf die Fahne geschrieben. Hier sind sie wieder, diese vielzitierten Werte.

Es wäre heut nicht wie es ist, wär es damals nicht gewesen wie es war. Geschichte ist, was wir daraus machen. Resignieren ist der falsche Weg. Man muss nicht alles gut finden, aber versuchen, darüber nachzudenken, sich auf gute Traditionen besinnen und sie mit neuen Impulsen verbinden, das ist ein möglicher Ausweg aus widrigen Zeiten.

 

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