Turm-Meister

Der Turm-Meister von St. Lamberti zu Münster heißt Hilger Hertel. Dieser Name steht (neben dem des damals amtierenden Pfarrer Kappen) für den radikalen Stilbruch, als 1883-1889 auf der Stadt- und Marktkirche in Münster der neue Turm im neogotischen Stil errichtet worden ist. Hertel, das ist die Architektenfamilie, die zu den bedeutendsten ihrer Zeit gehört.

Der Lambertikirchturm gehört zu den renommiertesten Werken des Hertel’schen Architekturbüros.

Wer war Hilger Hertel der Ältere (1831-1890) ?

Seine Steinmetzausbildung mit Meisterprüfung hat er in der Kölner Dombauhütte gemacht. In Münster war er als Diözesanbaumeister tätig. Seine Werke im Münsterland sind recht mannigfaltig: Das Fürstenberghaus, die erste St. Josef-Kirche, Kirchenbauten in Hamm-Heessen (St. Stephanus) und Olfen (St. Vitus) – eine überlieferte Liste enthält „56 Kirchen-Neubauten, zahlreiche Innenausstattungen und viele Profanbauten“ (Quelle: http://www.natuerlich-architektur, dies ist die Website eines Nachkommens der berühmten Hertels, der als geprüfter Planer für ökologisches Bauen ein Architekturbüro in Dortmund betreibt).

Und wer war Hilger Hertel der Jüngere (1860-1917) ?

Er machte in Kevelaer seine Steinmetz- und Maurerlehre und studierte Bauwissenschaften in München. In Münster wirkte er als königlicher Regierungsbaumeister.

Mit seinem Bruder Bernhard Hertel (1862-1927), einem späteren Dombaumeister zu Köln, übernahm er das väterliche Büro und stellte u.a. den Lamberti-Kirchturm fertig. Die Brüder bauten auch die Heilig-Kreuz-Kirche zu Münster. Ein weiterer Bruder, Adalbert (1868-1952) wurde Bildhauer.

Die Zeit etwa zwischen 1830 und 1900 war besonders geprägt durch die Neu- oder Neogotik, die auch wesentlich das Schaffen der Hertels beeinflusst hat. In diese Zeit fallen auch folgende wichtige Ereignisse:

1860 – die Arbeiten am Kölner Dom werden nach 160 Jahren wieder aufgenommen

1870/71 – Deutsch-Französischer Krieg

1871-1887 – Kulturkampf in Preußen

1889 – Weltausstellung in Paris – Gustave Eiffel baut für diese Ausstellung den weltberühmten Turm

Wer war Alexandre Gustave Eiffel (1832-1923) ?

Eiffel studiert Ingernieurswesen und arbeitet zunächst in Paris, baut Viadukte, Brücken, und auch die Stahlinnenkonstruktion der New Yorker Freiheitsstatue stammt von ihm. Aber alles wird überstrahlt von seinem Meisterwerk für die 10. Pariser Weltausstellung 1889, dem 324m hohen Eiffel-Turm, welcher 1887-1889 als Eingang und Aussichtsturm erbaut worden ist – exklusiv für die Weltausstellung.

Schöne Plakate und Fotos der „Exposition Universelle de 1889 à Paris“ gibt es zB. hier zu sehen: http://www.lartnouveau.com/belle_epoque/paris_expo_1889.htm

Blick über den Heckenrand:

Ein Artikel in der New York Times als Beilage der Süddeutschen Zeitung (Freitag, 7. November 2014, Autor: William Neuman) war überschrieben mit „Eiffel’s Shadow in South America Shrinks Under Scrutiny“ (etwa: „Bei genauerem Hinsehen schrumpft die scheinbar große Bedeutung Eiffels für Süd-Amerika“). Der Original-Artikel ist hier verlinkt.

Genauer betrachtet werden Bauten, die Anwohner*innen und Einheimische gemeinhin als Werk des großen Gustave Eiffel ansehen. Zum Beispiel die Eiserne Brücke in Arequipa (Peru) über den Fluss namens Chili und weite Knoblauchfelder. Anscheinend bezeichnen auch zahlreiche Reiseführer diese Brücke als bedeutsamen Ausdruck der Industriellen Revolution und als „work of Gustave Eiffel, the 19th-century French engineer (…). Except that it is not. And neither are many other bridges and buildings around Peru and the rest of South America that are attributed to the Frenchman“ (NY Times).

Sapperlot! Mon dieu! Ist es denn die Möglichkeit? Und tatsächlich: Auf den tragenden Elementen der Brücke steht: „Phoenix Iron Co. Philada“ – Phoenix war eine auf Eisenbahnbrücken spezialisierte Firma aus dem Staat Pennsylvania, und Philada ist die Kurzform für die Stadt Philadelphia.

Wie kommen die Peruaner denn dann bloß auf Eiffel?

Ein Historiker aus Arequipa beantwortet die Frage damit, dass Süd-Amerika sich tendenziell an Europa und speziell an Frankreich orientiere, ganz besonders nach der oben genannten Pariser Weltausstellung (und vermutlich schon den vorhergegangenen, zB. 1878). So sei ein regelrechter Eiffel-Mythos entstanden, und alles, was auch nur entfernt eine Stahlbauweise aufweist, ist „built by the guy who built the Eiffel Tower“ (so wird ein Bauer zitiert, der an besagter Brücke wohnt).

Einen wahren Kern gibt es aber dennoch – wie bei wohl jedem Mythos:

Ein Mitarbeiter des Eiffel’schen Architekturbüros wurde 1871 nach Peru gesandt – Eiffel verschiffte zu jener Zeit Fertigbauteile aus Eisen für Brücken und andere Gebäude – um mögliche Kooperationen auszukundschaften. Peru wurde damals binnen kurzer Zeit wohlhabend durch den Handel mit Guano und hatte 1868 ein schweres Erdbeben erlitten, also war Wiederaufbau ein großes Thema. Nach dem Tod dieses Mitarbeiters im Jahr 1873 aber gibt es keine weiteren Aufzeichnungen über etwaige Werke Eiffels in Peru. Und hier beginnt der Mythos!

Fazit: Mögen auch die Menschenleben vergänglich sein, manche Bau- und Kunstwerke bleiben für lange Zeit bestehen und inspirieren und erfreuen die nachfolgenden Generationen über viele Jahrhunderte, so wie uns hier in Münster der wunderschöne Turm von St. Lamberti, nicht nur die Pariser lieben ihren Eiffel-Turm, und die Süd-Amerikaner haben anscheinend auch ihre Freude an europäischer Baukunst.


sonst noch entdeckte Literatur:
Peter Vormweg: „Die Sakralbauten der Brüder Hilger und Bernhard Hertel in Münster. Studien zur Neugotik am Beispiel der Heilig-Kreuz-Kirche und der St. Josephskirche“, VDM Verlag Dr. Müller (Print On Demand), 2008

Hans Josef Böker: „Die Marktpfarrkirche St. Lamberti zu Münster: die Bau- und Restaurierungsgeschichte einer spätgotischen Stadtkirche“, Rudolf Habelt Verlag und Antiquariat, 1989

Sigfried Giedion: „Space, Time and Architecture. The Growth of a New Tradition“, 1982 (5), erste Veröffentlichung durch Harvard University Press 1941.

Außerdem:

„Planet Wissen“ hat auch einen Beitrag über den Eiffelturm gemacht: Klick!

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