Heilig, heilig…

Das Beitragsbild ist ein kleines Bronzerelief des Bildhauers Josef Krautwald (geb. 1914 in Oberschlesien, gest. 2003 in Rheine, Münsterland): Ein Engel mit einem Horn – er ist mir am 21.06.2014 auf dem Promenaden-Flohmarkt zu Münster begegnet; ich taufe ihn Gabriello, den Türmer-Engel.

Selige und Heilige sind die verehrten Vorbilder christlichen Lebens in der katholischen Kirche.  Der Unterschied:

Die Seligsprechung stellt einen Menschen als Beispiel christlichen Lebens für die Kirche eines Landes oder eines Bistums oder auch für eine bestimmte Gemeinschaft heraus.
Die Heiligsprechung dehnt diese Verehrung auf die ganze Weltkirche hin aus.

So erklärte es der verstorbene münstersche Bischof Reinhard Lettmann (Quelle: Dokumentenordner der Präsenzstelle in der St. Lambertikirche Münster, Danke an Hermann Hagenhoff!).

Schon der Seligsprechung geht ein Prozess voraus, der vom Ortsbischof eingeleitet wird. Darin spielen der Ruf der Heiligkeit, das Martyrium, die besonderen Tugenden und auch eingetretene Wunder eine Rolle. Die gesammelten Akten werden der Vatikanischen Kongregation für Selig- und Heiligsprechung übersandt, die dann die Echtheit der Dokumente und Zeugenaussagen prüft. Märtyrerinnen und Märtyrer benötigen keine Wunder in der Lebensgeschichte, um selig gesprochen zu werden.

Der Papst wird vom Diözesanbischof im Rahmen einer Eucharistiefeier um die Seligsprechung gebeten. Es folgt die Promulgationsformel (eine bestimmte Liturgie) des Papstes. Damit ist die Seligsprechung formal erfolgt.

Das Verfahren bei der Heiligsprechung eines Seliggesprochenen „Diener Gottes“ ist ähnlich; handelte es sich um eine historisch bedeutende Persönlichkeit, werden unter Umständen auch Historiker hinzugezogen. Anschließend gibt es Argumente und Gegenargumente der Kirchenanwälte „Advocatus Dei“ und „Advocatus Diaboli“. Falls alle Bedingungen des Protokolls erfüllt sind und zwei Drittel der beteiligten Theologen für eine Heiligsprechung votieren, liegt das letzte Wort beim Papst.

Um Heilige in der darstellenden Kunst als solche zu kennzeichnen, wurden ihnen ab dem 13. Jahrhundert, vor allem aber im 15. und frühen 16. Jahrhundert individuelle Attribute zugesprochen. Auch Leseunkundige konnten so klar erkennen, welcher Heilige dargestellt werden sollte.

>>> zum Thema: „Kennzeichen und Attribute der Heiligen“ von Otto Wimmer, Tyrolia Verlaganstalt, Innsbruck 2008 <<<

Man unterscheidet generelle Attribute wie Bischofsstab, Buch oder Märtyrerpalme und individuelle Attribute, die mit dem Leben und Wirken des betreffenden Heiligen zu tun haben, dessen Geschichte den meisten Gläubigen bekannt war.

Interessant ist zum Beispiel der Heilige Ludger (auch Luitger, Luitgar, Liudger), Bischof von Münster. Im Dom ist er zu sehen, aber auch außen an der Seiten-Fassade des Historischen Rathauses von Münster. Zu seinen Füßen: Eine Gans oder mehrere Gänse. Er gilt als der Gründer Münsters bzw. des ersten Klosters im Gebiet der heutigen Stadt – „monasterium“, lateinisch für „Kloster“ wurde im Sprachgebrauch zu „Münster“.
Ludger wurde aus Utrecht von Karl dem Großen zum Leiter der Friesen- und Sachsenmission berufen, gründete mehrere Klöster, baute mehrere Kirchen  und verstarb 809 in Billerbeck, westlich von Münster (die Ludgeri-Kirche in Münster aus dem 12. Jahrhundert steht unter der Schutzherrschaft des Heiligen Ludger).
Er soll unter Anderem einigen Menschen durch Fürsprache das Augenlicht wiedergegeben haben, ein weiteres Wunder hat mit dem Gänse-Attribut zu tun:
Eine große Grau- oder Wildgänse-Plage soll Ludger verdrängt haben, und als darauf eine große Dürre das Land plagte, soll er wiederum Gänse dazu gebracht haben, so lange zu scharren, bis sie auf Wasser stießen.
Die Vita Ludgeri ist wunderbarerweise durch die Bayrische Staatsbibliothek digitalisiert worden und online einsehbar.
Ebenfalls von großer Bedeutung für Münster (und für die Türmerin) ist der Heilige Lambert (auch Lantpert, Landibertus), Bischof von Maastricht, welcher als Märtyrer starb (er wurde um 705 in Lüttich ermordet).
Seine Attribute sind das Kreuz (bei seinem Tode soll ein Lichtkreuz erschienen sein), die mutmaßlichen Mordinstrumente Lanze, Schwert und Pfeil, ein Tuch mit Flammen (ein Bezug zum angenommenen Wunder des Tragens glühender Kohlen), ein ihm zu Füßen kauernder Mann (als Zeichen der Überlegenheit gegenüber weltlichen Machthabern) oder auch zwei liegende Männer mit Waffen, welche die Bestrafung der Mörder darstellen.
Über die Ermordung Lamberts gibt es unterschiedliche Angaben, am weitesten verbreitet ist die Feststellung, er habe stets die kirchliche Immunität gegen die weltliche Staatsmacht verteidigt.
Im Ökumenischen Heiligenlexikon z.B. ist seine Geschichte  auch nachzulesen.
Die berühmte Stadt- und Marktkirche in Münster, durch bürgerliche Kaufleute als Gegenmacht zum St.-Paulus-Dom finanziert, auf deren Turm allabendlich (außer Dienstags) die Türmerin tutet, ist dem Patrozinium des Heiligen Lambert unterstellt.
Auf der Webpräsenz der St.-Lamberti-Kirchengemeinde ist alles über die Geschichte und aktuelle Termine aller zugehörigen Kirchen verzeichnet.
Der 17. September ist ein wichtiger Tag in der Lambertus-Verehrung: Das Lambertus-Singen („Kinder kommt runter, Lambertus ist munter„) wird natürlich auch in Münster zelebriert. Die Türmerin ist dankbar, sich von Amts wegen und aus eigenem tiefen historisch-gesellschaftlichem Interesse mit den Heiligen und dem Brauchtum beschäftigen zu dürfen und freut sich 2014 auf ihr erstes Lambertus-Singen live und in Farbe!

 

 

 

 

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