Die hohe Kunst des Tutens

Die hohe Kunst des Tutens. Zahlenmystik und Hintergründe.

Für die englische Version dieses Artikels klicken Sie bitte HIER.

Jeden Abend (außer dienstags) wird seit Jahr und Tag vom St. Lamberti-Kirchturm getutet. „Tuten“ ist das Fachwort, die Lautmalerei „Tuuuuuut“ beschreibt denn auch ziemlich genau die Töne, die aus dem Türmerhorn dringen – das tiefe C.


Früher war die Wacht-Zeit des Türmers in Münster zwischen 22:00 Uhr und 06:00 Uhr morgens (der Eine oder Andere mag sich evtl. noch an meinen Vor-Vorgänger Roland Mehring erinnern).
Heute ist der hörbare Teil der Dienstzeit zwischen 21:00 Uhr und 24:00 Uhr. Die anderen Tätigkeiten (Gespräche, Interviews, Vorträge, Recherche, Betreuung der virtuellen Seiten usw.) sind ebenso wichtig, treten aber vor dem prominenten Tuten in den Hintergrund. Hier soll nun ebenjenes Tuten näher beleuchtet werden.

Lang ausgehaltene Signale bedeuten: „Es ist alles in Ordnung. Es brennt nicht im näheren Umkreis, es stehen auch keine Feinde vor den imaginären Stadtmauern“.
Kurze Staccato-Tonfolgen bedeuten: „Alarm! Gefahr!“

Das Tuten ist in Münster ein Zeitsignal. Wenn um 21:00 Uhr also die Kirchenglocken (es gibt rundherum über 80 Kirchen) neun Mal läuten, klingt das Horn wie folgt:
„Tuuuut – Tuuuut  – Tuuuut (Pause) Tuuuut – Tuuuut – Tuuuut (Pause) Tuuuut – Tuuuut – Tuuuut“

Das ergibt also 3×3 Tuuuut, ein Block ist immer von einer Pause vom nächsten getrennt. Wieso? Wir blicken auf 22:00 Uhr und das entsprechende Signal:

„Tuuuut – Tuuuut -Tuuuut (Pause) Tuuuut – Tuuuut -Tuuuut (Pause) Tuuuut – Tuuuut – Tuuuut – Tuuuut“

Hier haben wir also 2×3 Tuuuut PLUS 1×4 Tuuuut. Mit diesem Ergebnis im Hinterkopf schauen wir auf 23:00 Uhr und das entsprechende Signal:

„Tuuuut  -Tuuuut -Tuuuut (Pause) Tuuuut – Tuuuut – Tuuuut (Pause) Tuuuut – Tuuuut – Tuuuut (Pause) Tuuuut – Tuuuut“

Sehen Sie? 3×3 Tuuuut PLUS 1×2 Tuuuut! Daraus ergibt sich logisch für 24:00 Uhr folgende Tuuuut-Folge:

„Tuuuut – Tuuuut – Tuuuut (Pause) Tuuuut – Tuuuut – Tuuuut (Pause) Tuuuut – Tuuuut -Tuuuut (Pasue) Tuuuut – Tuuuut – Tuuuut“

Einfach: 4×3 Tuuuut!

Nun aber zur mathematischen, mystischen, legendären, sehr interessanten Grundlage dieser Zahlen – denn nichts bleibt dem Zufall überlassen beim Signalblasen der Türmer auf St. Lamberti:

Die zentrale Zahl ist bei allen Signalen die „3“. Diese Zahl steht nicht nur für die Dreifaltigkeit (Vater, Sohn und Heiliger Geist), sondern auch z.B. für die drei theologalen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe).

Die Zahl „2“ steht u.a. für das Doppelte, Endlichkeit, Gegensätzlichkeit usw. Siehe auch: Genesis 1,1: Dort beginnt die Heilige Schrift mit dem zweiten Buchstaben B (Bereschith) – weiterhin beschreibt die „2“ auch das Verhältnis von Ägypten zum Lande Kanaan… die Suchmaschine Ihrer Wahl wird Ihnen detaillierte Infos liefern.

Zur „4“: Der vierte hebräische Buchstabe ist Daleth – er symbolisiert das Tor zur Welt oder die Tür zum Himmel. Außerdem gibt es ja die vier Ursünden (Der Sündenfall von Adam und Eva, Brudermord, die Sintflut, der Turmbau zu Babel)… Die Zahl vier als Zahl der Welt findet man auch in den vier Himmelsrichtungen, den vier Jahreszeiten, den vier Elementen: Feuer Wasser, Luft und Erde…

Mit all diesen bedeutungsschweren Symbolen im Kopf und im Herzen wird das Türmerhorn Abend für Abend geblasen. Für Münster, für die Bürgerinnen und Bürger, für Touristinnen und Touristen, für die Gläubigen und die Ungläubigen, für die Pflanzen und die Tiere, für alle, die den Klang wahrnehmen. Und mit ihm schwingt die gesamte Menschheits- und die Stadtgeschichte…
Das Tuuuut lässt beruhigt schlafen oder spazierengehen, das Signal gibt die Zeit wieder und ist in sich Symbol des wunderbaren Traditionsbewusstseins der Stadt Münster.

Und bevor ich’s vergesse: Auch zur halben Stunde wird getutet: Nämlich zweimal, genau wie das Kirchengeläut, für die vergangenen beiden Viertelstunden.

Bleibt noch zu sagen, dass ganz profan nach dreimal Tuten die Luft schon etwas knapper wird, mehr als viermal am Stück kann man schwerlich tuten…

Wenn Sie noch weitere Fragen zum Tuten, zur Türmergeschichte, zur Geschichte von St. Lamberti und der Stadt Münster haben, bleiben Sie mir gewogen und lesen Sie von Zeit zu Zeit meine Artikel in diesem Blog. Oder schreiben Sie uns (siehe Impressum).

Und: Kommen Sie mal nach Münster und hören Sie das Tuten live vor Ort!
Zuerst wird immer das Geläut abgewartet, dann in Richtung Lambertusbrunnen getutet, einige Sekunden später dann Richtung Domplatz, einige Sekunden später zum Drubbel hinunter. So können Sie’s nicht verpassen!

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Ein Gedanke zu “Die hohe Kunst des Tutens

  1. Pingback: Münsters Mamas - Martje (Städtische Türmerin) - Münstermama

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